Full text: 6.1928 (0006)

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Saarkalender für das Jahr 1928 
  
Er stand einen Augenblick wie betäubt und gelähmt, aber da packte ihn eine harte 
Fauſt an. Kiltel und riß ihn ungesſtüm nach rückwärts. Und schon löste sich aus dem 
Hangenden ein zweiter ſchwerer Gesteinsblock los, ein „Sargdeckel“, der ihn unfehlbar 
zern almt hätte, wenn nicht Nickels Geiſtesgegenwart ihm zur Rettung geworden wäre. 
Zorn und Haß hirelten in ihm nichl stand, als er den Kameraden in Gefahr sah. 
„Du bleder Hammel! Willschdhe zu Muskrimmele versſchlahn sin?“ schrie er ihn 
noch wild an, aber der Gerettete hatte die Besinnung verloren. 
Als Jäb wieder zu sich kam, lag 'r mit ganz verbundenem, schmerzendem Kopf 1nt 
Knrappſchaftslazarett. Er war übler zugerichtet, als es im erſten Moment ſchien. Die 
Aerzte hatten allerlei nähen und flicken, auch das zerbrochene Nasenbein einrichten 
müſſen, und es dauerte eine ganze Weile, bis ein Schädelriß nicht mehr bedrohlich war. 
Aerger aber als ſeine Wunden ſchmerzte Jäb, daß sein Kattchen sich so wenig blicken 
ließ, so sehnſüchlng er auch an den Besuchstagen auf sie wartete. 
Dock die größle und bitterſte Enttäuſchung kam noch. Als sie ihn zuerſt sah, nach- 
dem seine Kopfverbände abgenommen maren, starrte ſie ihn erſt ein Weilchen sprachlos 
an und krach rann in ein ſchallendes Gelächter aus. Gar nicht beruhigen konnte sie sich. 
Er ſähe zu foiſia aus mit seinem schiefen Gesicht, dem durch eine schwere Backennarbe 
verzerrten Mund. ; 
Jäb ließ ihre kränkende Heiterkeit ganz geknickt über sich ergehen. Daß er sehr 
entstelll war, wußte er ja seibſt. Aerzte und Schwestern tröſteten ihn zwar, er habe einen 
Mordsduſel gehabt und dürfe froh sein, mit der beschädigten Fassade davongekommen zu 
sein. Das war dem Verliebten aber eine ſchwache Entschädigung dafür, daß sein Mädel 
sein Gesicht als „schepp und plackig“ verlachte, ja förmlich Widerwillen davor hatte. Auf- 
quietschend war sie einem Kuß von ihm ausgewichen! 
Der ganz Verdatlerte wünſchle sich wirklich im erſten Gram und Groll, das Geſtein 
hätte ihm einen Arm oder ein Bcin abgeschlagen, als ihm so das Gesicht zu verhunzen, 
daß er sein Liebchen fürchten machte. 
Mochte es wirklich die neue Häßlichkeit Jäbs sein, oder war das Kattche seinen der- 
zeitigen Schatz wieder leid und ſuchte darum nach einem Vorwand, = Â es dauerte nicht 
mal sehr lange, da ſchickte sie ihm einen kurzen, trocknen Abschiedsbrief. Aus dem 
Fentschtal kam der, wohin sie zu ihren Verwandten gereiſt war, wohl um dem heiß- 
htiitizer Abgedankten und ſicher auch dem Leutegeſchwätz ein Weilchen aus dem Wege 
zu kleiben. 
Ihr schnöder Treubruch ging dem kaum Geneſenen sehr nahe. Es dauerte eine 
gercume Zeit, bis er sich davon erholt hatte. Aber wenn eine so leichtfertig und mit solch 
liebloſer Begründung ihrem Schatz den Laufpaß gibt, wird ein vernünftiger Menſch 
schließlich einſehen, daß für ihn selbſt der Treubruch nur ein Glück iſt, weil er ihn vor 
einer gewiß unharmoniſchen Ehe bewahrt. 
Kaum ein paar Monate ſpäter, als das flatterhafte Kattche wieder mit den verliebten 
Burschen im Dorf sein kokeltes Spiel trieb, ging ein Gemunkel um, Schwarze Nicker 
laufe ihr aufs neue wie ein Hündchen nach. Mache sich rein zum Spott der ganzen Um- 
welt durch seine Verliebtheit. Da dachte sich der Henner: hat er mich damals vor einem 
größcren Unglück bewahrt, muß ich es jetzt tun. Denn was könnte es anders als ein 
Unglück geben, wenn der törichte Tropf wirklich am Kattche hängen blieb. 
Doch er predigte tauben Ohren. Der Nickel nahm ihm seine Warnung sogar bitter 
übel, verhöhnte sie als Neid und Eifersucht. Er verriet sie sogar dem Kattche, und das 
lauerte dem Jab danach auf, als er ſpät abends von der Mittagschicht heimging. Und ſie 
übergoß ihn mii einer solchen schmutzigen Flut wüster Schimpfworte, daß Jäb, mit ein- 
gezogenem Kopf wie aus einem Hagelsſchauer flüchtend, seinem Schöpfer dankte, von 
dieser Furie inuerlich und äußerlich befreit zu sein. Und abends hatte er sich mit behag- 
lichem Grinsen wohlgefällig und dankbar über sein schiefes, zuſammengezogenes, narbiges 
Heficht y;tttiGen. Völlig ausgeſöhnt mit dem Geſteinskloz, der ihn so grauſam 
entſtellt hatte. 
Mit einem listigen Augenzwinkern schloß der Erzähler: „So wääß mr im erſchde 
Schreck als emol nit, for was ebbes Iwles äänem gudd sin, un wie mr Glick em Unglick 
han kann. Ich hädd mich wahrscheins met dr Läng vum Kattche nit su triveliere un 
hujentere geloßi un ees oder mich umbrung, wanns emol grad pressiert hädd. Was 
ammer do sahn!“ ; 
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