Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
damaligen Apothekenbeſitzers, ein und 
notierte jeden Betrag sorgfältig in einer 
großen Liſte, ein Vorgang, welchem wir 
ungeheure Wichtigkeit beimaßen. Einmal 
wurde ein Baum mit ,@Jokkobsbiere“, 
jenen frühreifen, nach dem 25. Juli, dem 
Jakobstag benannten Birnen, im Baum- 
hof der „Aanstalt“ „abgedohn“, ich glaube, 
dieſer einzige Obsſtbaum war verpachtet. 
(Die anderen Bäume daselbſt waren Roß- 
aſstanien, „Keſschde“.) Die Kinder grupprier- 
ten sich um den Baum und die Tante ver- 
sprach uns, die herunterfallenden Birnen 
dürften wir aufleſen, wir sollten gut auf- 
pasſen. Der Obſtpflücker war aber solch 
ſchmieriger Geizhammel, daß im Verlauf 
von faſt einer Stunde nur eine einzige 
Birne herabfiel, auf welche sich mehrere 
Kinder wie die Habichte stürzten. Der 
glückliche „Grabbscher“ mußte die ihn um- 
drängenden Kameraden „beiße laſsſe“, so 
daß für ihn selbſt als Lohn seiner aufmerk- 
ſamen Behendigkeit gar wenig abfiel. Das 
Interesse an solch unrentablem Handel er- 
lahmte jäh, und die Kinder verkrümelten 
sich von diesem Baum ſrchnell. 
Auch häßliche Charakterzüge unter den 
Kindern traten naturgemäß manchmal in 
Erscheinung. So war ein raffiniertes Mäd- 
chen, schon zwei Jahre älter als ich, dem 
meine „Kumfidurſchmeere“ gut mundeten, 
auf den Gedanken gekommen, mich zur 
Abgabe größerer Stücke meines Früh- 
ſtücks- oder Vieruhrbrots dadurch zu ver- 
anlasſsen, daß es mir vorſchwindelte, ganz 
hinten im Hof bei seiner Großmutter 
wohne der Teufel, und sie brauche dem 
nur ein Wort zu sagen, dann würde er 
mich in die Hölle holen, eine Unannehm- 
lichkeit, die lediglich durch Ueberlassen 
eines anſehnlichen Stltückes meiner 
„Schmeer“ hintanzuhalten sei. Verängstigt 
tat ich der frechen Erpresserin, die mir 
strenges Schweigen unter der gleichen 
Drohung anbefohlen hatte, mehrmals den 
Willen, bis ich doch Mut faßte und meiner 
Mutter die Sache erzählte. Darauf wurde 
seitens der Anſstaltstante prompte Abhilfe 
geſchaffen, ich wurde beruhigt und das 
z!lzu f<htave Ding bekam die verdienten 
rügel. 
Der Beſuch meines jüngsten Bruders in 
der ,„Aanstalt“‘. mußte mir ſpäter, als 
Sextaner, hin und wieder als — leider 
F Ä t U M§ ute M r [ct. V âù 
5 Uhr nachmittags ,.ſsitzenbleiben“, dann 
ging ich nach 5 Uhr schon meinen kleinen 
Bruder abholen, drückte mich mit ihm noch 
ein bißchen herum und dachte, unsere gute 
Mutter wäre durch die Angabe zu täuſchen, 
. . . Z pic§ 
Saarkalender 1928 
ich hätte meinen Bruder gleich von der 
Schule aus mal abgeholt, weil ich mich 
doch für den Anſtaltsbetrieb immer noch 
intereſſiere. „Awwer ſitzebleiwe haſchde 
doch misse, gelt?“ fragte das Mütterchen 
mit nachsſichtigem Lächeln. Da ich ſie nicht 
belügen wollte, gab ich's kleinlaut zu und 
gab derartige Ausflüchte auf. 
Ein Forſcher auf dem Gebiete der 
Kindersſeele hätte in der ,Aanſstalt“ be- 
ſonders hinsichtlich der Einstellung des 
kindlichen sprachtechniſchen und Begriffs- 
t zrsgens anche Stuben gere! tönen. 
a e za örter, 
welche ein kleines Sanggehanner Kind 
nie in seinem jungen Leben je gehört 
hatte, Wörter, die „zu fein, zu vornehm“ 
waren, als daß sie in der Familie des 
Kindes geſprochen worden wären oder 
solche, die der Kleinkinderlogik noch nicht 
faßbar waren. In dem hübſchen Berg- 
mannsliede wußten wir Drei- bis Vier- 
jährizken mit dem Worte g,, angezündt“ 
nichts Rechtes anzufangen. So wurde 
einfach „anſschezüh“ gesungen. Und daß ein 
Licht „hell“ sei, war ganz ſselbstverſtänd- 
licht Dunkle Lichter gab's doch gar keine! 
Somit wurde das wirklich sonst sehr ver- 
ständliche Wörtchen „hell“ im Bergmanns- 
lied auf Oel (sprich „Eel“) bezogen, da 
„hell“ jedes Licht iſt, es aber verſchieden- 
artige „Lichte“ gibt, Kerzenlicht, Gaslicht 
und das vielverbreitete Licht aus „Lampe- 
Eel“. Ein Licht wurde angeſteckt 
das Wort „an z ün d en“ war uns fremd, 
alſo wurde es instinktiv in dieſem zarten 
Alter abgelehnt. Was unter g,@anſcheziih“ 
zu verstehen sei, darüber machten wir uns 
kein Kopfzerbrechen – das Lied ,ging“ 
ebenſo und nicht verständlicher. Hauplsache 
war die frische Melodie und die Luſt am 
Gröhlen. Der Vers lautete also ſtatt ,er 
hat sein helles Licht, er hat sein helles 
Licht schon angezündt, schon angezündt“ 
„er hat sein Eeles-Licht, er hat sein 
Eeles-Licht 
schon anscheziih, ſchon anſschezih!“ 
Später einmal trug meine damals vier- 
jährige Schwester Lorchen bei irgend einem 
Fest der „Aanstalt“ ein Liedchen vor, in 
welchem sie einige ganz unverständliche 
Worte hartnäckig immer wieder zu Hauſe 
vorsſang, auch ließ sie ſich offensichtlich 
auch von der ,„Aanstaltstante“ nicht über- 
zeugen, wie die Worte richtig lauteten, die 
auch heute noch nur mutmaßlich aufzu- 
klären sind. Das Kind sang friſch und froh: 
„Ich bin ein Schweizermädchen, hab’ meine 
Heimat lieb. Die godinodi Hirne den- 
schreiten schriehfoſchrieh.“ 
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