Full text: 6.1928 (0006)

Saarkalender für das Jahr 1928 
nur ein alter Briefträger kam die Straße hinab. Als er uns die Nummern der Häuſer 
abſuchen sah, ſchwenkte er seine Taſche und rief uns zu: „Das viert Haus, uff der recht 
Seit, da wohnt ſe.“ Auch er grinſte, was mir nicht gefiel, denn wir waren ernſt gestimmt. 
Würden wir doch im nächsten Augenblick jemand gegenüberstehen, der mit der jenseitigen 
Welt in Verbindung ſtand, dem Geiſter gehorchten . . . „Ach Gott, da iſt es schon,“ sagte 
die jung? Dame und umklammerte meinen Arm. ,Ich hab so Angst, was die mir sagen 
wird.“ Uns war feierlich zumut, als wir die hohe Steintreppe zu dem kleinen Haus 
hinaufstiegen. Wie würde man uns empfangen und wo? Jch ſtellte mir das Zimmer der 
Seherin vor mic ſchwarzem Tuch ausgeschlagen, wie bei der Voisin, die um Mitternacht 
schwarze Meſſen leſen ließ . . . oder wie den Saal des Grafen Cagliostro mit schwarz- 
verhangenem Tiſch und der Wasſserſchale, in der man seine Zukunft in Bildern sah. 
Endlich standen wn! vor der kleinen, grüngeſirichenen Türe . . . Gehen Sie zuerſt. 
sagte ich zu der jurgen Dame. Ach nein, gehen Sie lieber vor . . . ziiterte sie . . . So 
betrat ich denn mulig die Schwelle. 
Wir ſtanden in einer ſauberen Küche . . . die leer war . . Unsere Herzen klopften. 
Wir befarden uns in: Vorraum zu den Geheimnissen des Unbekannten. Nebenan rührte 
ſich etwas und cine rauhe Stimme rief . . . Wer is dann do? 
Ist sie das? fragle das junge Mädchen erschrocken. 
Nein, das iſt ein Mann . . . 
Aber dier hat doch keinen Mann . . . 
Ich öffnete die Tür. Im Nebenzimmer saß ein junger Mann, eine Bergmannsmügtze 
auf dem Kopf auf einem Stuhl und ſchälte Kartoffeln . . . . 
Wohnt hier die Seherin? fragte ich, während mir der Atem ſtockte. 
th Die is nit tahemm, erwiderte der Kartoffelschäler trocken und ſchmiß eine Kartoffel 
f Was haben Sie geſagt? ſtammelte ich. 
Sie is nit dahemm. 
Ich war ſprachlos. 
Aber . . . ich habe . . . ihr doch eine Karte geſchrieben, ſagte ich. 
Der Karlofselſchäler zuckte die Achſeln. E Kaart? Da drin leiht e ganzer Haufe. 
Wann: sie all die Kaarte läse dät, wo die kritt, da hätt die viel zu duhn –~ ~ und er 
ſchmiß wieder eine Kartoſfel ins Wasser. 
Aber wo iſt ſie denn hingegangen? fragte die junge Dame mit ganz dünner Stimme. 
In dio Sladt, antwortete der Mann lakoniſch und warf wieder eine dicke Kartoffel 
ins Waſſer, daß es ſpritzte. 
Wir sahen uns an . . . In die Stadt? Da kamen wir gerade her. Es ſchien mir 
unmöglich, daß eine Seherin, die mit Geiſtern verkehrte – in die Stadt fuhr . .. Wann 
ich ſahn, daß; se in die Stadt is, dann is se in die Stadt. Der junge Mann zeigte durch 
eifriges Kartoftelſchälen an, daß eine weitere Unterredung mit ihm zwecklos sei und an 
der Tatsache nichts änderte und wir gingen. j 
Wir waren ſehr enttäuſcht. Dieſes Erlebnis hatte uns mindestens ebenso erschüttert 
wic eine Seance . .. Es wäre uns unmöglich gewesen, sofort umzukehren und mit der- 
ſelben Straßenbahn und dem lächelnden Schaffner heimzufahren. Wir hätten nicht an 
einem Montag ſsahren sollen, meinte ich. 
Das Dorf umgab ein roter, herbſtlicher Buchenwald. Wir setzten uns auf einen Baum- 
r Zprtev. hes NMittagsglocken zu, die aus dem Dorf hell herüberklangen und aßen 
: Plötzlich sagte das junge Mädchen entſschloſſen. Ach, wissen Sie, eigentlich bin ich er- 
leichiert. Ich hab acht Tage nicht mehr geschlafen . . . vor Angst, was sie mir sagen 
würde . . . Ich werde ihn einfach morgen fragen, dann weiß ichs auch. 
Und wir gingen nachdenklich durch den Buchenwald zurück, erleichtert, daß die ge- 
fürchtete Se ance so gnädig für uns abgelaufen war. 
  
  
I: 377 
  
„Gegen dich, o Vaterland, ſind uns nichts als eitler Tand alle Sternenwelten.'“ 
Kinkel. 
  
  
  
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