Full text: 5.1927 (0005)

Saarkalender für das Jahr 1927. 
Bchwarz-rot-gold und ſchwnarz-weiß-rat. 
Von Prof. Dr. h. e. Ruppersberg. 
Ueber die Entstehung und das Alter der jetzigen deutschen Farben ſchwarz-rot-gold 
herrſcht vielfach Unklarheit. Man begegnet wohl der Meinung, daß diese Reichsſarben 
aus dem Mittelalter ſtammen und daß sie unter Friedrich Barbaroſsſa entstanden ſeien. 
Aber das Mittelalter kannte keine Reichsfarben. In der Schlacht auf dem Lechfelde hatre 
König Otto I. das Reichsbanner mit dem Bilde des Erzengels Michael zur Seite. Später 
kam der einköpfige Adler, seit König Sigismund der zweiköpfige Adler als Hoheits- 
zeichen des Reiches auf. Da der schwarze Adler gelbe Klauen hatte und die Kaiſerwürde 
seit dem 15. Jahrhundert in den Händen der Habsburger war, so entstanden daraus die 
öſterreichiſchen Farben schwarz-gelb. 
Den Glauben, daß die deutſche Reichsfahne ſchon im Mittelalter die Farben schwarz- 
rot-gold gezeigt habe, hat vor allem Heinrich Heine verbreitet, der dieſe Fahne dem 
Kaiſer Barbaroſſa im Kyffhäuſer beilegt: „Hoch ragt daraus eine Fahne hervor, die 
Fahne schwarz-rot-gülden.“ (Deutschland, ein Wintermärchen, Kapitel XIV und XV.) In 
Wirklichkeit ſind die Reichsfarben ſchwarz-rot-gold viel jünger. Sie ſind ersſt im Revo- 
hrtivystahre 1848 gesetzlich angenommen worden. Folgendes ist der geſchichtliche Sach- 
verhalt: 
„Auf den Vorschlag des Turnvaters Friedrich Ludwig Jahn nahm die am 12. Juni 
1815 gegründete deutsche Burſchenschaft als ihr Feldzeichen und zugleich als das der 
deutschen Einheit, die dieser Jugendbund ja verkörpern wollte, ein ſchwarz-rot-goldenes 
Banner an. Es waren nicht die alten Farben des Reiches, wie manche Burschenschafter 
behaupteten, sondern die Uniformfarben der Lützowſchen Freischar, jener ,„rein-deutſchen“ 
Schar, in der zwei von den drei Gründern der Burſchenschaft und zahlreiche andere 
Burſchen gefochten hatten. Die Lützower führten auch eine goldgestickte ſchwarz-rote 
Fahne, und dieſer geschichtlichen Herkunft entspringt auch deren Deutung: „Aus der 
Knechtschaft Nacht durch blutigen Kampf zum goldenen Tage der Freiheit!“ Für ein 
halbes Jahrhundert sollten diese Farben in der Tat ,Die deutschen Farben“ werden“. 
(Hans Blum, Die deutsche Revolution 1848-1849, S. 13f.) Dies iſt die Erklärung, die 
auch Heinrich v. Treitſchke in seiner „Deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert“ Il 422 
und III 756 gibt. An der letzteren Stelle fügt er hinzu: „Neuerdings habe ich jedoch im 
Dresdener Körner-Muſeum eine Aufzeichnung des alten Lützowers Anton Probſthain 
aus Mecklenburg (f 1882) gefunden, worin er erzählt, seine Verwandte Frl. Nitzschke 
habe der Burſchenſchaft bei ihrer Stiftung eine Fahne geschenkt und dazu die Farben 
der untergegangenen Verbindung Vandalia gewählt. Dieſe Erklärung klingt einfacher, 
natürlicher als die Erzählung von den Lützower Farben; es iſt mir aber bisher nicht 
gelungen, ihre Richtigkeit nachzuweisen.“ 
Treitschke fügt an der erſteren Stelle hinzu: „So iſt aus den Träumen der Studenten 
jene Trikolore entstanden, die durch ein halbes Jahrhundert die Fahne der nationalen 
Sehnſucht blieb, die so viel Hoffnungen und so viel Tränen, so viel edle Gedanken und 
ſo viel Sünden über Deutſchland bringen sollte, bis sie endlich, gleich dem schwarz-blau- 
roten Banner der italieniſchen Carbonari, im Toben der Parteikämpfe entwürdigt und 
gleich jenem durch die Farben des nationalen Staates verdrängt wurde.“ 
Bei der Verfolgung der Burſchenschaft wurden die Farben ſchwarz-rot-gold durch 
Bundesgesetz vom 5. Juli 1832 verboten, aber am 9. März 1848 als deutsche Bundesfarben 
von dem Bundestag anerkannt. Der Reichstag des Norddeutschen Bundes erklärte am 
2. April 1867 die Farben ſchwarz-weiß--rot (eine Vereinigung der preußischen Farben 
schwarz-weiß mit den rot-weißen Farben der Hanſfastädte) zu Bundesfarben, und diefe 
Farben wurden auch von dem Deutschen Reich angenommen (Artikel 55 der Reichs- 
verfaſſung vom 16. April 1871). Die Weimarer Verfasſſung vom 11. Auguſt 1919 hat dies 
Farben ſchwarz-rot-gold wieder hervorgeholt und als die Farben der deutschen Republik 
erklärt, aber weite Kreiſe unseres Volkes können sich mit dieſen Farben nicht befreunden 
und Zehen q! Farben ſschwarz-weiß-rot vor, unter denen Deutschland groß und mächtig 
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