Full text: 1927 (0005)

  
Saarkalender für das Jahr 1927. 
  
eine beißende Stichflamme echt St. Wen- dem Peter nicht beizukommen war. Es 
deler Folltabahs entgegen, als dieser ant- 
wortete: 
„Jawoll, Herr Stabsarzt, eich honn mr 
e Peif ongemach!“ 
Darauf der Arzt: „Aber lieber Freund, 
doch nicht jetzt ſchon in aller Herrgotts- 
frühe bei nüchternem Magen?!“ 
Peter ließ sich aber nicht irremachen, 
denn er erwiderte prompt: „Herr Stabs- 
arzt, eich honn geraacht gen de Hunger!“ 
~ Alleweile hatte der Peifendeckel aber 
geſchelle. Seine unterſuchende Tätigkeit 
einſtellend, setzte sich der Stabsarzt in 
Positur. Schon wieder stieß er auf die in 
Mannſchaftskreiſen vorherrſchende Mei- 
nung, nach der Nikotin gut gegen Hunger 
ſein solle. Welch ein Blödsinn! Und dieser, 
jeder wisſenschaftlichen Grundlage ent:- 
behrenden Auffassung wollte und mußte er 
mit aller Schärfe entgegentreten; das 
war er ſeinem Stande und der ärgzgtlichen 
Wissenschaft gegenüber schuldig. Doch nur 
mit ruhiger Sachlichkeit wollte er den 
Nas belehren. Deshalb entgegnete er dem 
eter: 
„Mein lieber Freund, ich bin ein alter 
Berliner Arzt, habe mehrere wissenschaft- 
liche Bücher über innere Krankheiten 
herausgegeben, die in drei fremde Sprachen 
überſett worden sind. Ich bin, wie man 
in unseren Kreisen sagt, gewissermaßen 
eine ärztliche Kapazität. Sie können mir 
es deshalb glauben, wenn ich versichere, 
daß es grundfalsſch iſt, anzunehmen, daß 
Nikotin den Hunger ſtillen könnte.“ 
Auf Peter hatten dieſe mit voller 
Ueberzeugungskraft gesprochenen Worte 
obſolut keinen Eindruck gemacht. Mit 
der größten Seelenruhe erwiderte er: 
„Herr Stabsarzt, wenn mir Hunger 
honn un mir honn nix ze beiße, dann 
ſtecke mr uns e Peif Tuwack an un de 
Hunger es eweck!“ 
Dieser Einwand verletzte den alten 
Herrn ſtark. Aber er gab den Kampf 
nicht auf. Er hatte sich ja wohl überzeugt, 
daß mit wissenschaftlichen Beweisgründen 
blieb ihm also nichts anderes übrig, als 
diesen mit eigenen Waffen zu schlagen. Er 
besann sich dabei auf seinen Burſchen 
Kronenberger und nahm an, daß dieser 
durch den täglichen Umgang mit ihm soviel 
geläutert sein werde, daß er etwas Vec- 
ständnis für seine Ideen aufbringen müsse. 
Er erwiderte daher dem Peter: 
„Ich weiß ja, lieber Freund, ihr Leute 
aus dem Volk habt ja neben Eueren 
Hausmitteln auch Euere eigenen Ansichten 
über die Anwendung dieser, von denen 
Ihr nicht gut abzubringen seid. Darauf 
bin ich ja gefaßt. Ich werde Ihnen aber 
einen Mann aus dem Volke gegenüber- 
stellen, der wird Ihnen schon sagen, was 
los iſt!‘ Er ruft seinen Burſchen: 
„Kronenberger!“ 
„Herr Stabsarzt!‘“ (Kronenberger er- 
scheint auf der Bildfläche.) 
„Sagen Sie einmal, Kronenberger, neh- 
men wir mal an, Sie haben Hunger, 
großen Hunger, gewissermaßen Kohldampf, 
wie Ihr unter Euch sagt, Sie haben aber 
einen vollkommen leeren Brotbeutel ~ 
kein Stückchen Brot iſt drin = nichts, 
rein nichts –]! Was machen Sie, um ſich 
den Hunger zu ſtillen?“ ' 
Kronenberger besann sich nicht lange: 
„Ei, dern ſtech ich. mr € Peif 
Tuw a > an, Herr Stabsarzt,“ er- 
widerte dieser prompt. 
Der Stabsarzt gab den Kampf auf. Ge- 
schlagen auf der ganzen Linie, ergab er 
ſich in sein Schicksal; er erwiderte nur 
noch kleinlaut: 
„Mit Euch iſt nichts zu machen! Jhr 
Bande ſteckt ja alle unter einer Decke!“ 
Sanitäter Serf drückte sich in diesem 
Moment in den Hausgang, um mit seinem 
bisher mühsam unterdrückten Lachen 
herausplatzen zu können. – ~ 
Vielleicht schmeckt dem guten Peter noch 
heute sein St. Wendeler so gut wie da- 
mals an der Lydinia, und hoffentlich 
braucht er heute nicht mehr St. Wendeler 
Rolles gegen Kohldampf zu verdauen. 
  
Straßcnreinigung einſt und jeßt. Für Straßenreinigung und Müllabfuhr gibt die Großſtadt Saarbrücken 
jezt mehr als 2 Millionen Franken aus, die durch eine Sonderumlage aufgebracht werden. Früher dagegen 
Jogen die Städte Einnahmen aus der Straßenreinigung, indem ſie dieſe Leiſtung im Akkord vergaben. Davon 
zeigt das Stadtgerichtsprotokoll vom 3. November 1796, das folgenden Satz enthält: „Wurde heute dem Wilhelm 
Reppert dahier die Straße am Forbacher Tor zu säubern veraccordiert, und hat davor 3 Gulden 30 Kreuzer, 
von jett über 1 Iahr zahlbar an die Stadt zu bezahlen.“ Der Straßenabraum wurde offenbar als Dünger 
für Cärten und Felder verwendet. 
  
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