Full text: 5.1927 (0005)

Saarkalender für das Jahr 1927. 
Die Zeitung selbst kannst du, sowie S. wieder 
in Berlin iſt, tagtäglich bei ihm einsehen, er 
bekommt sie täglich zugeschickt. Das Ge- 
lungenste iſt, daß unsere Zeitung zugleich 
Kreisblatt für den Kreis Ottweiler ist, trotz- 
dem dieſe Stadt selbſt ein Blättchen heraus- 
gibt, das ſich allerdings mit unserem Welt- 
journal nicht mesſſen kann. Neunkirchen 
selbſt iſt ein Fabrikort von ca. 17 000 Ein- 
wohnern, von denen die Hälfte Beamte und 
fler Fabriken, qs 'Es iſt ſehr hesch in 
Ewert. Tale Pelezen; t; y die. Unmaſiey 
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idylliſch nennen. Glücklicherweiſe weht der 
Rauch fast nie nach der Seite meiner Woh- 
nung und der Redaktion hin, weil nach 
dieser Richtung der Wind nicht über die 
Berge kann. Die Umgegend ſelbſt hat man- 
nigfache Schönheiten, die ich auf meinen 
Sonntagsausflügen besichtigen werde ..." 
Angeregt durch diese Briefveröffentlichung 
iſt sicher schon der eine oder der andere 
Dehmel-Philologe oder Verehrer des Dich- 
ters zur „Saar- und Blieszeitung“ gewallt. 
Doch das Ergebnis ſolcher Pilgerfahrten 
wird wohl für jeden sehr schlicht und beſchei- 
den ſein. Die vergilbten Zeitungen tragen 
den typiſchen Kreisblattcharakter der Zeit 
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Geſundheitszuſtand der höchsten und aller- 
höchſten Herrſchaften nichks oder ein klein 
wenig zu wünſchen übrig läßt, daß dieses 
oder jenes Mitglied des hohen Herrſcher- 
hauſes einen Geburkstag feierte. So beginntk 
z. B. ein Leitartikel zu Dehmels Zeiten in 
Neunkirchen also: „Geburtstag! jubelte man 
eſtern in unserer teuren Herrſcherfamilie. 
Geburtstag! jubelle man auch im großen 
deutſchen Vaterlande. Wiederum lenkten 
sich die Blicke des Volkes ..." Wie weit 
und wie hoch Dehmels Hilfskraft an solchen 
unvergeßlichen Leistungen ländlicher Proſa 
f ?eroy chlagen ist, iſt leider nicht festzu- 
dann vor allem Parkeiorgan gewesen, in 
dem der demoktratiſche Fortſchritt und Frei- 
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für das Parteigezänk, auch für das Wohl- 
ergehen der hohen Herrſchaften zu ent- 
schädigen suchten, sind vielleicht zum Teil 
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wähnt habe, wird dem ilger von den 
freundlichen Redakteuren (der heute auf- 
geſchwungenen Zeitung) ein alter Stuhl ge- 
eigk, ty! dem ei.ſtens, Dehmel gethront 
aben soll. An handſchriftlichen Aeußerun- 
gen Dehmels, irgend ein Papierfehen, den 
ußer Fürstenchronik ist das Blatt. 
er einmal mit ſeinen charakterisſtiſchen 
Schriftzeichen bedeckt hat, ist nichts, nichts 
mehr zu finden. Erdkataſtrophen, Himmels- 
erſchütterungen haben alles hinweggefegt. 
Neues Leben blüht aus den Ruinen. Die 
Neunkirchener Annalen melden nichks, die 
Bürger wiſſen nichts. Dehmel wäre gar 
nicht in Neunkirchen gewesen, wenn er es 
nicht selber wäre, der das Gerücht aufge- 
bracht hakt. Aber daß man nichts von ;; 
weiß, iſt andererseits leicht erklärlich. Der 
schwer zu bändigende Förstersſohn aus dem 
wendiſchen Urwald führte in Neunktirchen 
ein geräuſchlos in sich verſunkenes Leben, 
wie es von vielen jungen geistigen Men- 
ſchen geführt wird. Irgend eine Unterkunft, 
ein Schlafraum, ein Koffer mit ein paar 
Vüchern, Mahlzeiten in billigen Gasthöfen, 
einſame Spaziergänge in die Waldum- 
gebung – niemand nimmt Notiz von dem 
jungen Mann, der sich eines Tages sanft und 
leicht wie ein Morgenlüftchen wieder davon- 
machtk. 
Zehn oder „zwanzig Jahre ſpäter!“ Ge- 
dichte von Dehmel werden auch in Neun- 
kirchen gelesen. Der Referendar X., der 
Hüttenarzt I. liest sie. Die Frau Z. findet 
ſie unfittlich und siehe, dies wird auch be- 
reits öffentlich diskutiert. Ein ſchneidiger 
Junker, ein raſsſelnder Balladenritter, Bör- 
ries, Freiherr v. Münchhauſen (wer wird 
ihn nicht kennen!) denunziert Dehmel wegen 
Unsittlichkeit (in einem allerdings heute 
längst in den Orkus verſunkenen Blättchen). 
Jedenfalls Richard Dehmels Name geht 
durch die Münder der Literaturbeflissenen. 
Er ist sogar ſchon Streitobjekt. Wenn man 
das anno 1884 gewußt hätte! Aber man 
weiß eben nie, was aus den jungen Leuten 
werden kann! Man weiß allerdings auch 
nicht, was aus bereits berühmten Leuten 
werden kann. Auch die Berühmten können 
wie der noch unberühmke Dehmel in beſchei- 
dene Kabeuschen verſinken. So begegnete 
ich doch einmal viele Tage allabendlich um 
dieſelbe Zeit auf einſamen Wegen einem be- 
scheiden gekleideten Alkpensionär, der viel- 
leicht auch ein ausgedienter Lehrer sein 
konnke, denn er hielt ich aufrecht und es 
war noch irgend etwas Gebietendes in ſeinen 
blaſſenden Augen ~ es war (wie ich ſpäter 
erfuhr) ein gestürzker Admiral, ein be- 
kannter Flottenchef. Eine Art Relson in 
Zivil. Wer konnlke das ahnen! 
Wenn nun auch Dehmel in Reunktirchen 
keine Eindrücke hinterließ, [o hinterließ doch 
Neunkirchen zweifellos Eindrücke in Dehmel, 
Vorstellungen, die später (wenn auch nichk 
immer voll bewußt) wohl wieder in ihm 
hochstiegen. Und das ist das Wichtigste. Es 
waren die qualmenden Schlote, die gluten- 
den Oefen Neunktirchens, die Arbeiter- 
  
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