Full text: 5.1927 (0005)

Saarkalender für das Jahr 1927. 
  
Richard Dehmel in Neunkirchen. 
Von Arthur Friedrich Binz. 
Nachdem der ſsſ<wer zu bänrndigende 
Förſtersſohn aus dem Wendiſchen Wald- 
land, in Berlin vom Pennal gejagt, 1882 in 
Danzig das Abitur hinter ſich gebracht hatte, 
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fach ohne Geld, unterbrach er das Studium, 
um etwas zu verdienen und sich den Wind 
der Praxis um die Nase wehen zu lassen. 
Ein Angebot aus der dunklen Ecke des 
Reiches kam ihm durch Vermittlung eines 
Komilitonen vors Gesicht; Lokalblättchen ~ 
aber 550 Taler im Jahr! Ein knapper Brief- 
. wechſel – und der Zwanzigjährige dampft 
(1884) durch ſpätſommerliches Land an den 
Rhein und weiter nach: Neunktirchen, 
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bestehenden „Redaktkionsverband“ der 
[Sz r: un d Blieszeitung“ ein- 
Daß Richard Dehmel einmal im Saar- 
gebiet Redakteur war, habe ich noch von 
ihm ſelbſt erfahren können und damals in 
"iner. Notiz der „Saarbrücker Zeitung“ be- 
kannt gegeben. Doch über seine Lebensäuße- 
rungen in Neunkirchen konnte ich von dork 
aus nie etwas hören. Kein Menſch ist zu 
finden, der sich irgendwie des jungen Redak- 
leurs von anno 84 erinnern könnte. Nie- 
mand hat ihn gesprochen oder geſehen. Herr 
Ohle, der sich Dehmel damals aus der Mark 
Brandenburg als Hilfskraft engagiert hatte, 
iſt tot. Nicht einmal Dehmels Wohnung ist 
seſtzustellen, es ist doch wohl nicht anzuneh- 
men, daß er sich Tag und Nacht im Re- 
daktionsſalon aufhielt. Seine damalige Ad- 
reſſe war die der Zeitung. Alle Spuren sind 
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Kabeuschen, in dem er ſeine Redakttions- 
arbeit verrichtete, iſt nicht viel größer als 
ein geſunder Hasenstall, in dem man ſich 
als jugendlichen Brauſetoxf bekannten 
Dehmel keineswegs raſtlos auf- und nieder- 
ſchreitend und mit gefährlichen rebelliſchen 
Gedanken hantierend vorstellen kann. Wie 
Dehmel es an der „Saar- und Blieszeitung“ 
der 80er Jahre überhaupt länger als drei 
Tage aushalten konnte, ist ., 
Blick fast unverständlich. Doch Dehmel kam 
ziemlich abgeriſſen von der Universität, 
brauchte unter allen Umständen Geld, und 
sſo hielt er denn ein paar Monate durch. 
Seine (er kam im September 1884 hin) für 
1. Januar 1885 in Aussicht genommene An- 
ſtellung jedoch konnte nicht mehr erfolgen. 
den 
den erſten 
läukte der Mittagsglocken und dem Geſchriae 
Schon war er auf und davon. Er ging wie- 
der zur Universität. 
Durch die nach Dehmels Tode erfolgte 
Herausgabe ſseiner gesammelten Briefe 
(2 Bände, S. Fiſcher-Berlin) iſt seine Be- 
ziehung zu Neunkirchen durch einen an 
seinen Freund Franz Oppenheimer gerich- 
teten Brief weitesten Kreiſen bekannt ge- 
worden. Der Brief lautet: 
NReunkirchen, Reg.-Bez. Trier, 18. 9. 84. 
Liebe Beſtie!. 
Bald wirst du in mir ein gleiches Un- 
glückstier sehen: Der Beruf eines Redak- 
teurs macht bestialiſch, wenigstens so lange 
man im Dienst iſt. Es scheint uns darin 
ebenſo zu gehen wie den Aerzten. Doch nun 
ernsthaft! – Es gefällt mir hier recht gut, 
wenn ich mir nur nicht angewöhnen müßte, 
mit deutſchen Lettern zu ſchreiben; ich habe 
es rein verlernk. Du ſiehſt, man wird in 
einer so freikonſervativen Redaktion plan- 
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fest überzeugt, daß der mit deutſchen Buch- 
ſtaben verfaßte Brief, den mein lieber Vater 
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der Besserung vorgerückt erſcheinen lassen 
wird. Diesen Brief schreibe ich mit Antiqua- 
ſchrift, weil mein Tagewerk als Redakteur 
heute noch nicht begonnen hat, ich alſo noch 
Menſch bin; es ist nämlich 5 Uhr morgens. 
Sonst stehe ich erst immer um 6 Uhr auf, 
aber heute hat mich Somnus mit seinem 
Zorn bedacht; ich konnke nicht wieder ein- 
schlafen. Meine Praxis fängt um !47 Uhr 
an, und ich habe dann bis ca. 9 Uhr zu kun. 
Bis 11 Uhr gehe ich spazieren oder treibe 
sſonſt etwas Nützliches und arbeite darauf 
wieder bis 12 Uhr. Dann, unter dem Ge- 
der Marktweiber, die dicht bei meinem 
Büro Kohl au naturel feilbieten, lege ich 
Feder, Schere und Äieiſtertort beiseite, froh, 
auch meinen Kohl (spirituel) unter das 
Publikum gebracht zu haben. Nachmittag 
nimmt mich meine Stellung noch einmal, und 
zwar von 31~7 Uhr in Anſspruch. Die 
chwerste Arbeit aber, die ich auszuſtehen 
abe, iſt die, daß ich morgens, mittags und 
abends – Karlsbader Salz (einen großen 
Teelöffel voll) – ſchlucken muß, und die 
obligaten Folgen dieses Genusses! Meine 
Stellung als sogen. „verantwortlicher“ R. 
trete ich ersſt vom 1. Januar 85 ab an, weil 
ich ja ersſt im November majorenn werde. 
  
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