Full text: 4.1926 (0004)

  
  
  
  
Saarkalender für das Jahr 1926 
Da sah ich, wie des Onkel Clemens Hand auch in die Höhe fahren wollte. Aber halbwegs 
blieb ſie stehen, als schämte sie sich. Und dann spielte sie verlegen mit dem herabhängenden 
Fensterriemen. 
Der Zug hielt. Ein Mann ſtieg herein und ſetzte ſich zu uns. Hager war er. Falten 
liefen von den Augen an den Mund. Wir kamen ins Geſpräch mit ihm. Es ſtellte ſich 
heraus: ein Amerikaner war es, und gut deutſch ſprach er. Bis er auf einmal von Onkel 
Clemens erfahren hatte, daß er von drüben kam. 
„Da sind Sie alſo auch Amerikaner?“ sagte er auf engliſch, und ich war ſehr stolz, daß 
ich es ſchon verſtehen konnte. 
„Hm“, sagte Onkel Clemens auf deutſch, „eigentlich bin ich hier in diesem Land geboren, 
und wenn's Ihnen recht iſt, wollen wir lieber deutſch ſprechen.“ 
Dem Fremden war es recht, dem Vater auch, und es gab eine ordentliche Unterhaltung. 
Der Amerikaner erklärte, er sei ſtudienhalber da. Handel und Gewerbe wolle er hier 
kennen lernen.“ : 
„Ja, ja“, ſagte Clemens, „Deutſchland hat sich ordentlich gemacht; Sie werden manches 
lernen können, Herr." 
Vater machte große Augen. 
„Aber Clemens“, sagte er, „du bist seit zwanzig Jahren fortgeweſen –* 
„Bitte“, unterbrach ihn Onkel Clemens, „knapp neunzehn sind es.“ 
„Nun also, neunzehn oder zwanzig — ich weiß es nicht mehr ganz genau + aber daß 
du ersſt ſeit ſieben Stunden wieder in Deutſchland bist, das weiß ich –~ und woher willst du 
nun in dieſer kurzen Zeit –~" 
„Meinst du denn, ich habe drüben keine Zeitung geleſen ?“ 
»Ja, amerikanische.“ 
„Nein, ich bin seit neunzehn Jahren auf die gleiche westfälische Zeitung abonniert.“ 
„Die haſt du dir regelmäßig ſchicken laſſen ?“ 
„Hamm! Um-stei- gen nach Dort-mund!“ rief der Schaffner. 
Wir stiegen aus. Der Amerikaner nahm den bereitsſtehenden Zug nach Berlin. Wir 
mußten lange auf den Anſchluß warten. 
Da saßen wir nun in dem kleinen Warteſaal von Hamm und waren ganz allein. 
Nur noch am Schanktiſch hantierte jemand. Der Kellner war nicht ſichtbar. Ein Mädchen 
saß in der Ecke und strickte. Ein Lichtstreif fiel durchs Fenster und überſonnte ihren blonden 
Westfalenscheitel. Jetzt ſahen ihre hellen Augen auf. 
Bergleute waren eingetreten. Sie kamen von den großen Zechen drüben, die hier wie 
Pilze aus der Erde geſchoſſen waren. 
„Die Kohle ist verdammt mächtig bei euch geworden,“ sagte Onkel Clemens. 
„Ja“, ſagte Vater, wenn wir jetzt nach Westen fahren, siehst du Förderturm an Förderturm ; 
das ſchnurrt den ganzen Tag hinein + heraus — hinein, heraus . .. Und wenn's dann 
dunkel wird, wirst du Eſſen glühen sehen, die ein paar Dutzendmale größer wurden, seit du 
fort warſt, Clemens –* 
»Ja, ja, ſchau dir nur die Bergmannsköpfe an da drüben ~ 
„Die hab ich lange nicht geſehen, Bruder.“ 
„Jhr habt doch drüben auch Bergleute, Clemens ?“ 
„Ah, die ſind anders; die haben modiſche Kleider, wenn sie von der Arbeit kommen; die 
tragen gelbe Schuhe ~ sieh, dort hat einer eine Ziehharmouika.“ 
Ein Bergmann hob den verwetterten Kopf. Ein Sonnenstreifen war zu ihm hinüber- 
gewandert. In ihm quirlte es von feinen, feinen Stäubchen : Kohlenteilchen aus dem Land der 
roten Erde. Ein leiſer Kohlengeruch lag im Wartezimmer. 
Jetzt ſah ich, wie Onkel Clemens seinen grauen breiten Kopf ein wenig nach oben hob, 
wie sich ſeine Naſenflügel kaum merkbar blähten. 
Stand das blonde Mädchen in der Ecke auf und legte das Strickzeug auf den Anrichte- 
tiſch. Dann nahm sie ein Körbchen mit Veilchen vom Tiſch und ging damit langſam nach der 
Türe. Leicht ſchaukelte das Körbchen. Jetzt kam sie bei uns vorbei. Onkel Clemens sah hinein. 
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