Full text: 1926 (0004)

Saarkalender für das Jahr 1926 
„Wieſe? Wieſe? Hm, grenzt nicht ein Wald daran ?“ 
„Freilich, Clemens, ein Tannenwald, ein dunkler. Steh mal auf und schau hinaus 
da drüben muß er liegen.“ 
„Ja, ja, und haben wir da nicht mit einem kleinen Mädchen gespielt ?“ 
„Mit der Fine, meinst du? Natürlich haben wir mit der Fine gespielt. Das weißt du 
alſo doch noch, Clemens ? Das iſt lieb von dir.“ 
„Was ist aus ihr geworden ?“ 
„Längst gestorben, Clemens, längst gestorben –~ wanderte mit Verwandten aus nach 
Amerika — konnte das Klima in den Südstaaten nicht vertragen + hörte ich —~ verzehrte 
sich vor Heimweh, sagt man, und ~" 
„Sie hätte nicht hinübergehen Jollen.“ 
„Das sagst du, Clemens ?“ 
„Hm, ja, sieh, ich bin nun doch einmal amerikaniſcher Bürger. Und am Ende ist Amerika 
für einen Mann auch was anderes als für Frauen ~“ 
„Dann sind bei euch alſo die Frauen doch nicht ſo gut daran, wie –~ 
„O, bitte, bei uns in Amerika nehmen die Frauen die liberalſte Stellung ein, die 
„American lady“ ist die ersſte Frau der Welt, und ihre politischen Rechte –* 
„Münster! Al-les aus-steigen!“ rief der Schaffner. 
„Hier müsſen wir umsteigen nach Dortmund“, sagte Vater, „komm Clemens, komm Fritz.“ 
§ V gingen wir quer hinüber zum Anſchlußzug. Jch deutete auf eine fauchende 
okomotive. 
„Onkel, sind bei euch in Amerika die Lokomotiven auch größer ?“ 
„Das will ich meinen, Junge.“ 
„Und fahren auch die Züge ſchneller ?“ 
„Selbstverständlich, Junge.“ 
„Nur nicht ganz so sicher,“ sagte Vater. ; 
„Mag sein; aber bei uns iſt man eben nicht ſo ängstlich um die liebe Sicherheit beſorgt.“ 
„Und auf ein Menſchenleben mehr oder weniger kommt’s bei euch in Amerika auch gar 
uicht an ?“ 
„Nein, wir kriegen ja jedes Jahr einen Zuzug von einer Million oder mehr.“ 
„Von uns, Clemens, vom alten Europa?“ 
„Natürlich ~ aber was willst du damit sagen ?“ 
„Daß doch im Grunde alle eure Herrlichkeit von Händen aus der alten Heimat geſchaffen 
wurde.“ 
„Ja, wenn du's ſo ansſiehſt ~ aber wir sind doch andere Menſchen geworden da drüben 
~ Amerikaner eben = ich kann's euch nicht erklären, aber man hat wirklich eine andere 
Haut, eine –~“ 
„Nun, wenn's nur die Haut iſt, Clemens ~ und wenn das Herz nur deutſch geblieben iſt –" 
„Das Herz? Ja, weißt du, auch das Herz ist eigentlich – ach was, laſſen wir's – 
vom Herzen ist nie viel die Rede bei uns in Amerika, mußt du wissen.“ 
Vater nickte und legte dem Onkel Clemens die Hand auf die Schulter. Das Wort Herz 
mußte noch eine Nebenbedeutung haben. Sie sahen sich zum erſten Male, seit der Dampfer 
da war, voll in die Augen, ſchien es mir. Und dann wurden sie beide still, ganz still und 
ſahen auf die Felder hinaus. 
Die zogen wie Wellen vorüber. Die Ackerfurchen machten lange weiche Linien. Da und 
dort ſchimmerte es ein wenig rot heraus. Wälder grüßten. Gehöfte lagen breit und fest. 
Hoch hoben sich die Dächergiebel wie gefaltete Hände, die sich in den Himmel verlängern 
wollen. Da und dort raſtete ein Mann bei seinem Pflug, als unser Zug vorbeieilte. Eine 
Frau kam aus einer Tür und überſchattete die Augen mit der linken Hand, während sie mit 
dem rechten Arm ein kleines Kind hielt. Das streckte ſeine Patſchhändchen gegen uns und winkte. 
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