Full text: 1926 (0004)

  
  
Saarkalender für das Jahr 1926 
„Nein“, sagte Vater, „ſo weit ſind wir noch nicht. Aber komm, wir wollen uns ein 
Brötchen kaufen in der Halle = gleich fahren wir wieder, Clemens.“ 
Ich mußte sitzen bleiben, bis sie wiederkamen. Unterdes dachte ich über die verſtellbaren 
Stühle in Amerika nach. Das muß ja wundervoll sein, dachte ich. Wie der Mechanismus 
wohl sein mochte ? Und warum hatte Vater den Onkel Clemens nicht ausreden laſſen, als er 
das erzählen wollte ? Aber da kamen sie ſchon wieder. 
„Nun, weißt du“, ſagte Onkel Clemens, an einem belegten Brötchen kauend, „nichts für 
ungut, aber bei uns in Amerika iſt der Schinken besser.“ 
„Besſſer als unſer westfäliſcher ?“ sagte Vater, höflich zweifelnd. 
„Das muß dich doch nicht wundern; denke doch an !die wunderbaren maſchinellen Ein- 
richtungen, die wir in Chikago ~" 
„Aber ich denke, es kommt aufs Schwein an, nicht auf die Maschine, Clemens ?“ 
„Da irrſt du; der beſte Schinken kann vermurksſt werden, wenn die maſchinellen Ein- 
richtungen “ 
„Jetzt sind wir in Westfalen,“ ſagte Vater, und deutete zum Fenster hinaus, „sieh Clemens, 
der Bach mit den Weiden war die Grenze gegen: Hannover.“ z 
Ich ſah auch hinaus und wunderte mich, wie verlangend heute die Weidenstümpfe ihre 
Zweige in die Lüfte streckten. Als warteten sie auf einen. 
„Die Grenze ?“ lachte Onkel Clemens, „ach du lieber Gott, ich hatte ganz vergesſſen, daß 
ich wieder in dem Lande mit den vielen Grenzen gegeneinander bin.“ 
„Habt ihr keine drüben ?“ sagte Vater, „ich denke doch, ihr habt euch ordentlich geſtritten 
zwiſchen Nord und Süd.“ 
„Das war einmal, aber jetzt gibt es bei uns in den Vereinigten Staaten nur ein Volk. 
„Auch bei uns, Clemens." 
„Na, die Berliner und die Bayern – 
„ vertragen sich noch immer beſſer, Clemens, als du mit einem Neger aus St. Louis 
denke ich.“ 
„Hm, magst recht haben, die ,„ſchwarze“ Frage ist der einzige dunkle Punkt, den die ko- 
loſſale Entwicklung bei uns in Amerika noch aufweist. Aber sonst geht's überall voran, mächtig 
voran. Lauter Rekords, mein Lieber. Ich denke, ihr werdet das Wettrennen bald aufgeben 
müſſen.“ 
„Worin ?“ 
„Zum Beispiel in der Industrie. Bei uns in Amerika wird das meiste Eiſenerz gefördert ~" 
„Das ist wahr." 
„Bei uns in Amerika wird die meiſte Kohle gebrochen 
„Stimmt.“ 
„Das meiste Kupfer haben wir, das meiste Blei, den meisten Mais, den meiſten Weizen, 
das meiſte Petroleum, die meiſte Baumwolle, die meiſte ~" 
Ü; jtör > Element joy!t „Müſſen wir uns ins Mausloch verkriechen vor lauter 
oloſſalität bei euch in Amerika. 
„Nun, so schlimm ist's nicht; in manchem habt ihr doch die zweite Stelle; ſo viel ich 
weiß, im Eiſen, zum Beiſpiel.“ 
„Und wie steht's in der geistigen Kultur bei euch, Clemens ?" 
„Wir sind das freieſte Volk, denke ich.“ 
„Ja ~ aber Freiheit iſt doch nur ein Teil der Geisſtigkeit, Clemens.“ 
„Nun, ich habe mich nicht viel darum gekümmert, aber, wenn ich recht geleſen habe, 
marschieren bei uns in Amerika auch die Univerſitäten an der ~" 
„Bruder, schau hinaus, die Türme von Münster grüßen. Weißt du noch, von Münster, 
wo wir –~ wo wir — na, weißt du nicht mehr, Clemens ?" 
„Münster? Münster? Wart mal, hat da nicht ein alter Onkel von uns gewohnt?“ 
„Ja, freilich, Clemens, der Onkel Paul, bei dem wir immer in den Ferien waren. Die 
große Wiese kannſt du doch nicht vergeſſen haben?“ 
  
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Saarkalender 1926 ; 10
	        
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