Full text: 4.1926 (0004)

  
  
Saarkalender für das Jahr 1926 
  
  
  
  
  
  
Die HSchiffelkultur an der unteren Banr. 
Von Dr. M. Chriſtnach. 
Bei dem Feortſchritt, den die landwirtſchaftliche Betriebstechnik in den legten 
Dezennien erfahren hat, iſt unserer heutigen Generation eine primitive Bodenbenutgzungs- 
form, die an der unteren Saar sehr verbreitet war, vollkommen unbekannt geworden. 
Es handelt sich hier um ein landwirtſschaftliches Betriebsſyſtem von großer wirtschafts- 
geschichtlicher Bedeutung, das „Schiffeln“. Es ergänzte neben der damaligen Dreifelder- 
und Feldgraswirtschaft die naturale Oekonomie. 
Etymologiſch geht das Wort ,ſchiffeln“ und ,schaufeln“ auf denselben Urſprung 
zurück (vergl. J. Rieder, „Die Schiffelkultur in der Eifel“. Schmollers Jahrbuch 1922). 
In Urkunden und Weistümern können wir es bis zum 14. Jahrhundert zurückverfolgen 
Ws; extensive Bodenbenutzungssyſtem wurde auf folgende Art und Weise 
gehandhabt: 
Nach einem Zeitabſchnitt von 15-20 Jahren wurden die Rasenflächen und Loh- 
hecken der Abhänge, die für den ständigen Ackerbau nicht in Frage kamen, im Monat 
AprilMai mit schweren Hacken in Schollen bis zu einem halben Kubikmeter, den 
sogenannten „Plaggen“ zerfchlagen und dann in der Sonne getrocknet. War die Witte- 
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trocken, so wurde der anhaftende Boden abgeschüttelt und die Rasenreſte in einem 
Feuer mit Reisig zuſammen verbrannt. Das geschah besonders zur Zeit der Heu- und 
Getreideernte und bildete ein Hauptvergnügen für die männliche Jugend, die diese 
Haufen bei günstigem Winde am Abend anſteckte und dabei die ſchauerlichſten 
Geschichten vergangener Zeiten erzählt wurden. 
Nach einigen Tagen wurde die Aſche auf dem gewonnenen Schiffellande ausgestreut 
und dann mittels eines primitiven Holzpfluges!) zur Roggenſaat bearbeitet, um nach 
Bebauung von Hafer, Buchweizen und ÖOelpflanzen in den folgenden Jahren wieder in 
ungeregelter Feldgraswirtſchaft als Weideland fur Schafherden dazuliegen. 
So wurden z. B. bis 1860 im Kreiſe Merzig von 30 000 Morgen Lohhecken und 
10 000 Morgen Rasenflächen jährlich 2000 bis 3000 Morgen als Schiffelland bearbeitet. 
Diese Schiffelkultur war ein Raubbauſyſtem eigenster Art. Denn durch das Brennen 
verflog der organiſch gebundene Stickstoff in Form von Ammoniakgas. Das Kali nahm 
die Pflanze im erſten Jahre reichlich auf, der Kalk wurde ausgewaſchen. So erklärt 
es ſich, daß Fie Ernte im erſten Jahre gut, im vierten Jahre ſchon hinter einer normalen 
Ernte zurückblieb. 
Aber dieſen Nachteilen ſtanden für die damalige Zeit bedeutende Vorteile . 
gegenüber. Die Ernte des erſten Jahres ergab große, geſunde Körner ohne unrat, 
denn durch den Verbrennungsprozeß konnte das Unkraut nicht aufkommen. 
Das Schiffelkorn war allgemein als Saatkorn geſucht. Während der Preis für 
Korn zwiſchen ein- bis eineinhalb Taler ſchwankte, wurde für Schiffelkorn zwei- bis 
zweieinhalb Taler bezahlt. Das Stroh wurde mittels Flegel ausgedroſchen und wegen 
seiner dichten Faſerbildung und Stärke zur Herſtellung von Strohdächern, Stuhlsitzen, 
Hausschuhen und vor allem an der unteren Saar zum Aufbinden der Weinstöcke benutzt. 
Neben dieſen kommerziellen Vorteilen ſind bei der Schiffelkultur die Bodenbeſit- 
verhältnisse der damaligen Zeit in Betracht zu ziehen. Denn Lohhecke und Oedland 
waren zum Teil Allmende?). Wenn nun die einzelnen Schläge bezw. Oedland unter 
die Allmendemitglieder verloſt wurden, suchte jeder die möglichſt größte Nutzung aus 
dem ihnen überlassenen Loſe zu ziehen und nach der Loh- und Holznutzung auch noch 
den Boden mit Saaten zu bestellen. In landarmen Gegenden, so im Moſeltal, treffen 
hir heute diese Kultur noch an. Dieſe Allmendenutzung war von weittragender soziaier 
eutung. 
Sodann drängte der Mangel an Dünger zur Schiffelkultur. Der Viehſtand war bis 
zum Anfange des vorigen Jahrhunderts unbedeutend. 
1) Der Eiſenpflug wurde z. B. erſt in den 60er Iahren des vorigen Jahrhunderts durch Herrn v. Fellen- 
berg und Herrn Pfarrer Deutſch, Merchingen, im Kreiſe Ulerzig eingeführt. 
?) Gehöfenſchaften mit gemeinſchaftlicher Benutzung von Weide und Wald. 
  
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