Full text: 1925 (0003)

Saarkalender für das Jahr 1925 
Unermüdlich arbeiteten die franzöſiſchen Beſtrebungen aber weiter in Stadt und 
Kreis Saarlouis. Ein echt weſtlicher Bluff iſt folgende Begebenheit, die dem Weißbuch 
der deutschen Regierung über das Saargebiet entnommen iſt: 
Am 14. März 1919 erschien der erſte Adjutant des Militärverwalters, Major Dellévaque, 
beim Bürgermeiſter und sagte zu ihm: „Sie wissen, daß Saarlouis frangöſiſch iſt.“ Darauf 
dier Bürgermeister: „Nein, ich weiß nur, daß Sie es französisch machen wollen.“ Delévaque: 
„Nun, dann sage ich Ihnen hiermit, Sie sind fvangöſiſch.“ Der Bürgermeiſter: „Aus den 
Zeitungen weiß ich, daß noch immer verhandelt wird, und daß etwas Endgültiges noch 
nicht veröffentlicht iſt.“ Delsvaque: „Es iſt Tatsache, aber Frankreich] iſt zu höflich (trop poli), 
um es gu veröffentlichen, bis seine Freunde es unterſchrieben haben. Nun gur Sache: 
Wenn die Tatsache vollzogen iſt, wird einer der Marſchälle, Foch oder Pétain, hierher 
kommen, um die Proklamation vorzunehmen. Der Herr Militärverwalter (Oberstleutnant 
Poulet) ruft ſchon den ganzen Tag: Wo bleiben die Fahnen! (Major Delévaque hat vorige 
[Woche in Metz Fahnen und so aveiter selbſt eingekauft.) Ich will nun wissen: Was wird 
die Staidt tun, wenn sie franzöſiſch wird? Es müſſen doch Vorbereitungen getroffen werden.“ 
Der Bürgermeister: „Auf diese schwerwiegende [Frage kann ich Ihnen jetzt keine Antwort 
geben, da muß ich mich erſt mit den Herren Stadtverordneten besprechen.“ Delcsvaque: 
„Recht so, die Herren von der Stadtverordnetenverſammlung sind zur größeren Häüällfte |[für 
uns, aber die Kleinen, die Knaben und Mädchen, und die Bauern sind uns zuwider, sie 
wollen micht. Auch die Geistlichen, katholiſche und evangelische, schaden uns ſehr.“ Der 
Bürgermeister: „Jch werde Montag machmittag eime Stadtverord netenſitung abhalten und 
dort die Frage vorlegen.“ Delévaque: „Gut, ich werde erſcheinen.“ 
Die Einladung ist erfolgt und Samstag, Sonntag und Montag haben Beſprechungen 
ſtattgesunden, in denen jedesmal mindestens 23, am letzten Tage 25 von 29 Stadt- 
verordneten erſchienen waren. Drei der fehlenden. Stadtverordneten waren verreist, 
einer krank. -Nach eingehenden Verhandlungen, in denen natürlich sanfte und ſcharfe 
Vorſchläge gemacht wurden, nahmen die verſammelten Stadtverordneten einstimmig 
nachſtehende Entschließung an, die dem französiſchen Stadtkommandanten als Antwort 
auf seine Frage erteilt werden ſollte. 
Die Entschließung hat folgenden Wortlaut: 
Saarlouis, den 17. März 1920. 
„Das französiſche Volk hat während der ſurchtbaren Kriegsjahre ein nationales 
Bewußtsein, eine nationale Liebe und nationale Kraft gezeigt, die alle Welt be- 
wundern muß. Frankreich hat mit seinen Verbündeten stets erklärt, für Recht und 
Freiheit aller Völker der Welt einzutreten. 
Als Deutsche ſind wir einsichtig genug, das klar zu erkennen und auch gerecht 
genug, das offen zu sagen. 
migterer ebenſo klar iſt es uns, und ebenso frei glauben wir es ausſprechen zu 
Die verehrten Vertreter einer solchen Nation müßten uns deutsche Bürger der 
Stadt Saarlouis geringschätzen, wenn nicht tief verachten, wenn wir in der Schicksals- 
ſtunde unseres schwergeprüften Vaterlandes eine unklare und undankbare Stellung 
einnehmen. würden. .. 
Erſt wenn das Saarvolk über sein Schickſal endgültig entschieden hat, könnte 
uns die Frage erneut vorgelegt werden.“ 
Die Stadtverordneten Dr. Hektor und Henry Kahn hatten sich anfangs gegen die 
Faſſung der Entschließung ausgesprochen. ; 
. Am 17. März, nachmittags %5 Uhr, als die Stadtverordneten ſchon nahezu volle 
zählig erſchienen waren und sich in und vor dem Sitzungssaal schon eine Zuhörer- 
menge von über 300 Menſchen versammelt hatte, ließ der Kommandant, der inzwischen 
 icherlich schon Kenntnis von der ablehnenden Haltung der Stadtverordneten erlangt 
  
hatte, den Bürgermeister zu sich bitten und eröffnete ihm, er: habe nichts von der Ein- 
berufung der Versammlung gewußt. Sein Adjutant, Major Delévaque, habe ohne 
sein Wissen und Einverſtändnis gehandelt, und er verböte hiermit die Sitzung. Wie 
der Bürgermeister nach seiner Rückkehr der wartenden. Menge den Beschluß des 
  
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