Full text: 1925 (0003)

Saarkalender für das Jahr 1925 
Daß der in der Vollkraft und Blüte ſeiner Jahre ſtehende Fürst alſo unerwartet 
verschieden sei, wer hätte es glauben mögen? – Da mußte ihm der Tod ſchon selber 
die schönſten Pläne aus der Hand gerissen haben. Freitags zuvor vielleicht, als er 
hoch oben auf den Baugerüſten des Franziskanerkloſters weilte und den Blick so un- 
ausgesetzt und so müde auf sein geliebtes Blieskastel und den Kirchenneubau gerichtet | 
hielt. + Das prächtige Gotteshaus, in dem er einmal die letzte Ruhestätte zu finden 
hoffte, wie wuchs es gar langſam aus dem Erdboden heraus. Und dem Bauherrn ward 
doch mit einem Male so müde und abſchiedsſhwer. – – © –ê & – –~ –~ . –~ê |I 
Das Volk blieb dabei, Serenissimus sei zu dieser Stunde vom Gerüſt herabgeſtürzt, 
und noch heutigen Tags wird ein Unfall als Todesursache bezeichnet. Zwar wird auch 
behauptet, Franz Karl sei eines Ehrenhandels halber im Zweikampfe gefallen, wes- 
halb man die eigentlichen Umstände seines Todes verheimlicht habe. Diese Darſtellung 
beruht indes auf einer Verwechſelung mit Karl Kaspar von der Leyen, dem letzten 
Sproß ‘der Ley-Gradorfer Linie, der am Aschermittwoch des Jahres 1692 im Zwei- | 
kampfe mit einem Freiherrn von Hochkirch bei Nippes erſchoſſen worden war. Sei 
es nun, daß der gräfliche Hof mit der Bekanntgabe des eingetretenen Krankheits- 
zusſtandes Franz Karls auffallend lange zurückgehalten hatte oder sei es, daß sich die 
aufgetauchten Gerüchte nachhaltiger erwieſen als die späterhin verlautbarte Tatſache, 
jedenfalls waren Stadt und Land um eine willkommene Senſation reicher geworden, 
die noch auf Zeiten hinaus Geſprächssſtoff für lange Winterabende lieferte. Und er- 
zählte man sich ſpäter im Volke von dem letzten Reichsgrafen von Blieskaſtel, ſo kam 
man kaum über das Gegenteil vom Anfange, nämlich das Ende desselben, hinaus. 
Zudem hatte sich das Leben des frühverſtorbenen Grafen denn auch in viel einfacheren 
Bahnen bewegt als das der nachmaligen Fürſtenwitwe Marianne, die nicht nur durch 
ihre Klugheit und Umſicht als Landesmutter, sondern auch durch die ganze Tragik ihres 
Schicksals das größere Interesse verdiente. 
Aus VBVriefentwürfen dieſer „Großen Reichsgräfin“, die sich nebſt andern an ſie 
gelangten Handſchreiben im Fürstlich Leyen’ſchen Archiv zu Waal (Schwaben) befinden, 
erfehren wir übrigens auch durchaus genaue Berichte über die letzten Lebenstage ihres 
Bemahls. 
Marianne, die ſich im September 1775 auf der Rückreiſe aus Frankreich befand, 
wurde von der plötzlichen Erkrankung des Grafen durch Eſtafette (Reitboten) in 
Kenntnis gcsetzt, worauf sie die Heimkehr nach Blieskaſtel mit allen Mitteln be- 
schleunigte. Bereits andern Tags wurde ihr durch die Poſtſtation zu Naney nach- 
stehender weitere Bericht Schmelzers behändigt: 
„Bließ Caſtell, 23. September 1775. 
Von der dermaligen sehr gefährlichen Krankheit meines gnädigen Herrn, Hoch- 
gräflicher Excellenz, habe ich gesſtern zwar die Freiheit genommen, die ſrchuldigste 
Nachricht per Elſtafetta zu erteilen und Hochdero untertänigſt zu bitten, Hochdero 
anhero-Reiß bei diesen Umſtänden nicht zu verweilen. Indem nun Jhro Hoch- 
gräfliche Excellenz nach Hochdero Ankunft geseufzet haben, dieſe aber um desvwillen 
noch nicht erfolget, weilen die Eſstafette etwan zu sſpät zu Metz oder Nancy eingetroffen 
sein wird, inzwiſchen aber die Krankheit von Stund zu Stund gefährlicher zu werden 
ſcheint, als habe ich Ew. Hochgräflichen Exec. nochmals untertänigsſt gehorsſamſt beidurch 
bitten sollen, Hochdero Reiß soviel als immer zu beſchleunigen.“ 
Am 24. September ſchreibt Schmelzer an den Geheimen Rat Doring in Trier: 
„Von der Zeit der Abreis Ew. Hochw. haben wir dahier vieles schreckliches aus- 
zuſtehen gehabt. Donnerstags abends ſchickten mir Ihro Hochgräfl. Excellenz die 
Brieftaſche, worin ich alle Briefe ohneröffnet fand. Die Verwunderung war bei mir 
um so größer, als ein von dem Herrn Fürſten von Hatzfeld und einer von dem Herrn 
Kammerrath Stock darunter war. Ich sagte zu den gegenwärtigen, daß. ich ſothanee 
Nichteröffnung der Briefe für ein böses Zeichen hielt. Es hat leider auch eingetrofen. 
Denn Freitags morgens um 5 Uhr weckten. mich der Herr Stallmeiſter und Herr Saal 
mit dem Bedeuten auf, daß ſsſie ſchon nach 4 Uhr eine Chaiſe nacher Zweibrücken 
  
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