Full text: 3.1925 (0003)

Saarkalender für das Jahr 1925 | 
Aus der Zeit der Inflation. 
Ich habe geſtern einen Ochſen gesehen, der sollte 2 Millionen Mark kosten. So einen Doppel- 
millionen-Ochſen sieht man nicht oft; im Frieden hätte er gut seine 700 Mark gekoſtet. Heute ſah 
ich einen Metzger, der wollte 2 Millionen Mark für den Ochſen geben. Da ſagte aber der Land- 
wirt: „Der Ochse kostet heute 21/4 Millionen.“ Darauf der Metzger: „Da müſsſen Sie ſich für Ihren 
Ochsen ſchon einen anderen Ochsen suchen.“ Worauf der Landwirt antwortete: „Der kommt morgen 
und zahlt zweieinhalb Millionen. 
Ich habe vor drei Tagen ein Brautpaar gesehen, das ſich einen Herd kaufen wollte. Der Herd 
ſollte 130 000 Mark kosten. Darauf suchten ſie einen anderen Herd; schlechter oder besser, kleiner 
oder größer, vor allem billiger. Die Suche dauerte zwei Tage; erfolglos. Deshalb kamen ſie auf 
den erſlen Herd zurück. Es war noch derſelbe Herd im Geſchäft mit derſelben Verkäuferin. Ver- 
ändert war nur die Preisaufschrift, nämlich in 200 000 Mark. Da bekam die Braut Krämpfe, mußte 
ins Bett und die Hochzeit wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. 
Heute habe ich in einem Putzgeſchäft eine Dame gesehen, die einen Hut aussuchte. Einer 
gefiel ihr besonders. Weil er aber 65 000 Mark koſtete, gab sie ihn zurück. Da kam der Brief- 
träger und brachte die Geſchäftspoſt. Darauf der Kaufmann zu den Verkäuferinnen im Vorbei- 
gehen leiſe: „Marke E. G. koſtet 50 Prozent mehr.“ Die Dame. fand keinen pasſſenden Hut und 
verlangie den zu 65 000 Mark, den sie nun doch behalten wolle. Schön, meine Dame. Der |teht 
Ihnen vortrefflich. Die Dame hätte ihn gleich behalten sollen, denn er koſtet jetzt 97 500 Mark. 
Die Dame: „Ja –~ aber –~ wieſo – wiev –“. Die Verkäuferin: „Bedauere sehr. Der Aufschlag 
kam mit dem Briefträger. Fünf Minuten früher gekauft und die Dame hätte den Hut billiger 
gehabt, als wir ihn wieder kaufen könnten. Der Preis iſt feſt; wir haben nur sfeſte Preiſe.“ : 
Der verlaſſene Soldat. 
Saarlouiser Dialekt. ; ~ 
Wie de Franzosen verloß hann la forteresse, 
Do hodden se jo da La croi x vogeß. 
A hott, ma wäß noch haut net wie lang, 
Henner de Breck of de halwe Mond Poſchde gestann. 
Wie de Preiſen jetz kommen met en Achen so ſcheen 
Do gesinn se aach gleich da La croi x do ſtehn. 
Da Lacroix hat e Grimaß geſchnieht, 
Er hat ſich vor Aerjer ball nemeh erkrieht. 
Wann haut jetz äner allän steht of de Welt, 
On hat em Beidel gar kä Geld, 
Dann häſcht et, derlo, der es geblot, 
A steht lo wie da Lacroix of de halwe Mond. Drouin. 
_ Ein orier Gefängnisbruder und Stammgaſt auf der Lerchesflur hört, wie ſich zwei Männer ſtreiten 
über den höchſten Berg im Saargebiet. Er hört lächelnd der Debatte zu und erklärt zum Schluß: 
„Der höchſte Berg im Saarrevier iſt die Höhe des Triller, die Lerchesflur. Das letzte Mal brauchte 
ich ein Vierteljahr, um von dort wieder ins Tal zu kommen. 
Vaterfreuden. Der Bergmann Peter M. in H. erfreut ſich einer reichen, gesunden Kinderschar 
Als wieder einmal der Storch sein Haus umhkreiſt, sitzt er in aller Gemütsruhe beim Schoppen. 
Seine Tochter, ,das Helen, kommt kurz darauf eiligen Laufes in die Wirtsſtube und ruft: „Vadder, 
Vadder, kumm schnell hem, de Mudder krieht Kinner, zwei sinn ſchonn do!“ ~ Als die Familie 
wieder einmal ein freudiges Ereignis erwartet, hockt der glückliche Peter M. in seiner Stammkneipe 
beim Skat. Sein Sohn Jakob eilt herein und verkündet ihm die Freudenbotſchaft: ,„Vadder, ich 
han e Schwester gekrieht!“ „Js gut!“ sagt der Angeredete und klopft ſeelenruhig seine Karte 
weiter. Nach einer Stunde erſcheint, atemlos nach dem schnellen Lauf, Jakob wieder auf der / 
Bildfläche: „Vadder, m'r han Zwillinge!“ Da iſt es aber mit der Seelenruhe unseres Peter zu Ende, | 
er ſpringt auf, trinkt auf einen Zug ſein Bier aus, wirft die Karten auf den Tiſch und ruft: 
„Awwer nu nix wie tapper hem, ſunſt krieht's dreil“.. ; 
_ Der Kolhlenaffe. Man erzählt sich folgendes: Ein Beamter in St. Johann, der am Bahngleis 
in den Bruchwieſen einen Garten hat, stellte dort eine Stange auf, an der ein kleiner Affe an 
einer langen Kette befestigt war. Das Tierchen kletterte ſeiner Gewohnheit gemäß auf und nievec, 
machte poſſierliche Sprünge und amüsierte die Spaziergänger. Der Beſitzer gefragt, warum er den 
Iluſtigen Vierhänder gerade am Bahngleis und nicht in seiner Wohnung halte, entgegnet: „Das iſt 
mein Kohlenoffe, ich ſpare durch ihn viel Geld. So oft ein Bahnzug vorüberrollt, wird er von 
dort regelmäßig mit Kohlen bombardiert. An jedem Abend sammle ich einen kleinen Wagen voll 
und decke damit regelmäßig meinen ganzen Winterbedarf. Abends wird der eigenartige Geſchäfts- 
mann im Hauſe gepflegt, morgens bezieht er ſein luftiges Lokal und weiß ohne jede Reklame die Auf- 
merkſamkeil der Bahner auf ſich zu lenken.“ Wer's glaubt, kriegt den Taler! Aber gut erfunden 
iſt der Witz doch. In die Tat umgesetzt, würde er sich sicher rentieren. Ñ 
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