Full text: 2.1924 (0002)

  
Saarkalender für das Jahr 1924. 
  
  
  
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Umſchau. 
ine Chronik iſt's mit jedem Tag, jede Stunde neues Leid. Sollte die erſchütternde 
Tragödie des vergangenen Jahres auch nur in groben Umrissen gezeichnet werden, 
ſo reichten mehrere Bände nicht, den Jammer aller Leidensſtationen des deutſchen 
Volkes zu skizzieren. Die wirtschaftliche, politiſche und seelische Not aller Deutschen 
will empfunden ſein, selbst das lebensvollſte Wort verblaßt. Hier können nur in 
ic in toüee Vet k Orihtteh MU Ot; L QOuL cht? Friegzlohr( geentzeichnet werder: 
ihrem gigantischen Unheil dem ohne Haß und Zorn urteilenden Beobachter aufdrängt. , 
Der unfriedliche Friede von Verfſailles wütet fort und wirkt sich kataſtrophal aus. Biele 
Aerzte ſtehen am Krankenbett des ehrlichen Michels und haben ſich trog 27 Konferenzen noch 
über Plan und Weg nicht einigen können, der zur Gesundung führt. Den gequälten, blutloſen 
Patienten läßt man nicht zur Ruhe kommen. Nach sechs in Versailles vorgenommenen Ampu- 
tationen wertvoller Glieder wünſchen einige der behandelnden politiſchen Mediziner bei dem 
faſt ſchon im Todeskampf Liegenden weitere chirurgiſche Eingriffe, sie foltern ihn unter dem 
Schweigen fast der geſamten ziviliſierten Welt. Die Dollarheiligen, die ihn, nach einem Helden- 
kampf ohnegleichen in der Menſchheitsgeſchichte, niederſchlugen, um ihre Zinſen für „neutrale“ 
Lieferungen zu retten und zugleich ihren Induſtriemagnaten durch die Ausrüſtung neuer Heere ein 
neues Milliardengeſschäft zuzuwenden, ließen längst die Heuchlermaske fallen. Als es um ihr 
Geld ging, trieften ſie von Moral und Chriſtentum; nun es gilt, ihr Unrecht gutzumachen, ziehen 
ſie ſich auf die amerikaniſche Gottesverehrung und ihr Glaubensbekenntnis zurück: business is 
business! Die innere Lebenskraft des germaniſchen Patienten iſt aber nicht zu brechen, sein ſtolzer, 
tapferer Geiſt wird über den erkrankten und gemißhandelten Körper ſiegen, ihn geſunden lassen, 
ob er noch so viel Gift schlucken muß und ihm das einzige Heilmittel, das einſt allgemein gebilligte 
und versprochene 14 Punkte-Rezept, nicht bereitet und verabreicht wird. 
Mit Meisterhand zeichnet die Lage des hart bedrängten Vaterlandes einer der geiſtigen Führer 
unseres Volkes, Ger h art Ha up t m an n, in dem Geleitwort, das er in dieſem Buche der 
Saarbevölkerung widmet. Möge jeder das düſtere Gemälde, das er entwirft, nicht nur leſen, nein, 
ſich jeden Satz, jedes Wort ins Herz prägen. Er wird ergriffen sein, und aus dem unerſchütterlichen 
Willen aller wird die rettende Tat sprießen. In dem Verantwortungsgefühl jedes Bürgers ruht 
das Heil, ruht die hellere Zukunft des Reichs, wie der engeren Heimat. „Mann ~ Pflicht 
Treue, Sie sprechen in Germanismen“, so hieß es einſt, ſo muß es, wie heute von den Rhein- 
und Ruhrleuten, erſt wieder von uns allen in der Welt gerühmt werden, dann wird aus dem 
Seelensſturm eine geläuterte Nation emporwachſen, berufen, Bahnbrecher einer neuen Zeit zu 
werden. Auch von uns im äußersten Weſtwinkel erwartet das Vaterland, daß jeder ſeine Pflicht 
tue. Die Widmungen hervorragender deutscher Denker und Dichter, der gewiß seltene und edelste 
Schmuck dieſes Heimatbuches, mögen allen Zagenden beweiſen, daß wir an der Saar nicht ver- 
geſsen sind, daß man unser in herzlicher Zuneigung gedenkt. Die ernsten Zurufe zeigen uns den, 
Weg aus dem Chaos, aus der Verwirrung unseres politiſchen und ſeeliſchen Lebens: Verinner- 
lichung und Glauben an eine über uns waltende Gerechtigkeit, und „die Hand, die uns durch dieſes 
Schicksal führt, gibt uns dem Elend nicht zum Raube“. Trotz Schmach und Schande der heutigen 
Stunde wird einst die Zeit kommen, „wo man sich noch darum ſchlagen wird, ein Deutſcher heißen 
zu dürfen“. Unsere Aufgabe in der Geſchichte iſt noch nicht erfüllt; der Genius des fleißigſten und 
begabteſten Volkes der Erde, das reiche Leben der deutſchen Seele bleibt in allem Wirrsſal der 
Welt der Fruchtboden einer neuen Epoche. An uns liegt es heute, ſtandzuhalten, an uns, Kindern 
und Enkeln, Land und Arbeitsfeld frei und fruchtverheißend zu ſichern. 
Der zweite Akt des europäiſchen Trauerſpiels iſt ein Muſterbeiſpiel, daß auch in der Politik 
“ber Haß der ſchlechteſte Berater iſt. Bei der Zerstörung der moralischen und wirtſchaftlichen 
Wertung der Völker ſtanden wir am Ende der Weltkataſtrophe allein der ganzen, seelisch erkrankten 
Welt mit ihrem Haß gegenüber. Die Politik der vollen Unterdrückung eines Volkes rächt ſich 
aber schon an den Urhebern. Langsam reift die Erkenntnis, daß die heutigen Lebensbedingungen 
eines Volkes notwendig die :|! Entwicklung der anderen bedingen, denn in der heute 
engmaſchig verflochtenen Weltwirtschaft iſt das Unglück einer großen Nation zugleich ein unheil 
ſelbſt für den Rivalen. Dazu pocht eine gewaltige, neue geiſtige Bewegung an die Tore der im- 
perialiſtiſchen Staaten, und den „Racker von Geiſt“ halten keine Bajonette fern. 
  
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