Full text: 1924 (0002)

  
  
Saarkalender für das Jahr 1924. 
Für die Hühner! Beim alten Bobenrieth, dem Begründer der älteſten und bekanntesten Pferde- 
metzgerer Saarbrückens, kam regelmäßig ein um den andern Tag ein junges Fräulein in den Laden, 
welches ein halbes Pfund Gehacktes zu 20 Pfennig forderte und dann immer mit einem vornehmen 
Nasenrümpfen, aber recht laut, daß es alle im Laden hören konnten, „f ür d ie Hü h n e r“ hinzu- 
fügte. Den alten Bobenrieth hatte dieſer Nachſat ſchon lange geärgert und als eines Tages das 
Fräulein wieder einmal ihr Gehacktes „für die Hühner“ holte, pfefferte er ihr eine Hand voll 
Silbersſand, der zum Scheuern hinter der Theke stand, in das halbe Pfund hinein. Am übernächsten 
Tag machte das Fräulein dem Alten natürlich Mitteilung von dem sandigen Zusatz, den vorgestern 
das Gehackte gehabt habe. Der machte ein erzdummes Geſicht und fragte ſehr teilnehmend: „Han 
ſich die Hinkele dann arig driwwer beſchwert?“ 
Die älteſte Ober-Preisprüfungs-Kommisſion des Saargebiets anno 1762. Wer die heutige Ober- 
preisprüfungs-Kommission für eine Erfindung unserer Tage hält, irrt ſich. Alles iſt ſchon dageweſen! 
Zur Zeit des Fürſten Wilhelm Heinrich von Nassau-Saarbrücken ſcheinen die Apotheker nicht gerade, 
wie es wohl auch heute noch nicht der Fall iſt, zu dem ehrenwerten Stande des ,billigen Jakob“ 
gehört zu haben. Man kann dies ſchließen aus einzelnen Sätzen in einer alten Schrift, die, 1762 
„in der Hoferiſchen Hof-Buchdruckerei gedrucket“, fesſſelnd zu erzählen weiß. Es ſcheint vonseiten 
der Bevölkerung beim Fürſten über die Preiſe in den Apotheken Klage geführt worden zu ſein. 
Er setzte daher eine Art Ober-Preisprüfungs-Kommission ein, die eine ausgleichende Taxe für alle 
Medikamente erſcheinen ließ. Dieſer Oberpreisprüfungs-Kommission gehörten an: D ern, Becker , 
Hay b a ch und Pr. R a u ch. Die Schrift beginnt: „Von Gottes Gnaden, Wir Wilhelm Heinrich, 
Fürst zu Nassau, Graf zu Saarbrücken uſw. Ein endloser Titel folgt mit allen Würden und Orden 
des „allergnädigsten Landesherrn“, der seine „Unterthanen“ kurz anredet mit den Worten: „Fügen 
hiermit zu wissen,“ dann heißt es einige Zeilen im ſchönſten Bürokraten-Deutſch: „Wasmasſen Wir 
aus Landesväterlicher Vorsorge für das Beste Unserer Unterthanen Uns gnädigſt bewogen gefunden, 
durch Unser Collegium Medicum sowohl eine Reformation derer Apothecken in Abſicht auf die 
darinnen zu haltende Arzneyen bewürcken ~ als auch die hiernach gedruckte neue, von nur er- 
wähntem Collegio zu Unserer besondern Zufriedenheit mit vieler Müh und Fleiß auf die der- 
malige Zeiten und Unsere Fürſtliche Lande ab g e m e ss ene billig e Ta x- 
Ordnung be gr e if fen zu la ssen.“ 
Wir befehlen demnach zuvorderſt hiermit' ernstlich, daß alle Apothecker in Unsern Fürstlichen 
Landen bey willkührlicher Straffe, im Verkauf ihrer medicamentorum ſowohl simplieimum als 
compositorum sich nach sothaner von Uns gnädigst approbirten Tax genau achten und die 
darinnen beſtimmte Preiſſe, in keinem Stück über ſchreite n.“ Das iſt sehr 
deutlich geſprochen. 
Interessant bleibt, daß bis zum Zuſammentritt dieſer alten Ober-Preisprüfungs-Kommission im 
Saargebiet noch den Edelsteinen. eine Heilkraft zugeſprochen wurde. In dem Vorbericht der Kme 
mission lieſt man: „Jn die Ausmusterung sind nun, unter andern, auch. die lapides pretiosi (Edel- 
steine), auſſer dem Hyacinth, den Perlen, und ihre praeparata gefallen, weil man ſich versichert 
gehalten, daß die pretiosa in dem menſchlichen Körper diejenige Würckung nicht thun, die ihnen 
das Alterthum zugetraut hatte, wie auch, daß wenige Apothecker sind, die würcklich ſolche pretiosa 
denen Compoſitionen einverleiben.“ 
Der 8yllabus Taxatus, die Verkaufsordnung, bringt sodann auf nahezu fünfzig Seiten die 
Anführung sämtlicher Heilmittel in den damaligen Apotheken und die Preiſe. Ich kann hier natür- 
lich nur einiges herausgreifen. Ich finde Schwitzpulver mit Stahl 1 Loth, 12 Kreuzer, Shwypulrer 
aus Spießglas 1 Loth, 12 Kreuzer, gemeines Schlagwaſſer 2 Loth, 3 Kreuzer, Herz-Carfunckelwasser 
1 Loth 3 Kreuzer, ſtarck Grimmen oder Windwasser 1 Loth 3 Kreuzer, kühlendes und temperirtes 
Herzwaſsſser 1 Loth 3 Kreuzer, Taubenkropfwasser 2 Loth 1 Kreuzer, Lachenknoblauchwasſer 2 Loth 
1 Kreuzer, wildes Katzenſchmalz 1 Loth 4 Kreuzer, Men ſchen-F ett, a x un gia hominis, 
1 Lo th, 4 Kr e uz e r. Ängeführt werden auch Meerkrebsspitzen 1 Loth 4 Kreuzer, Kockel, Fiſch 
oder Laußkörner 1 Loth 5 Kreuzer, präparirte weiße und rote Korallen, präparirter Eſelskürbissaft. 
Anscheinend kannte man damals ſchon Hoffmannstropfen, sie sind angegeben mit „temperatum 
Hoffmanni“, D. Hoffmanns temperirtes balſamiſches Elixir, 1 Loth 8 Kreuzer. Auch ein „,Nichts- 
Pflaster“, „Froſchpflaster“ uſw. nehmen ſich ſeltſam aus. Daneben erſcheinen lumbricorum terrestrium 
. Regenwurmerxtrakt, Schlaffäpfel, Drachenblut, Cameelstroh, präparirte Krebsaugen, präparirter See- 
kuhſtein, präparirter Beinbruchſtein, quajacum s, sanetum raspatum, geraſpelt Franzoſenholz, präpa- 
rirte Kellereſel, Pappelknöpfe, cinamomi verum, „wahrhaftig Zimmt-Oel“, Froſchleichöl, D. Stahls 
antiſpaßmodiſches Pulver, Grindwurzel, Scarabaci majales melle inkusi, Maikäfer in Honig ein- 
gemacht, 1 Stück 2 Kreuzer, Regenwurm mit Wein, präparirte Elendsklauen uſw. Die angeführten 
Heilmittel mögen genügen, um zu zeigen, was unsere Vorfahren geschluckt und geschmiert haben. 
Die Hauptſache iſt, daß sie an die Heilkraft von Regenwürmern, Maikäfern und Kellerasſeln glaub- 
ten und sich ihr Wohlbefinden dadurch bis zu voller Gesundheit gehoben hat. 
Aus der alten Druckſchrift erfährt man auch, daß nur die Apotheker in den Saarbrücker Landen 
das Recht hatten, Klyſtiere zu bereiten und zu geben. In der Taxe, „was die Apothecker vor ihre 
Arbeit, Mühe und Vasen fordern können,“ steht z. B. pro applicatione elysteris, für ein Clyſtier 
u setzen 20 Kreuzer. 
Ö tze alten et t.Ldigea Perücken der „Fürſtlich-Nassau-Saarbrückiſchen“ Ober-Preisprüfungs- 
Kommiſsſion vom Jahre 1762 haben es ſich bei ihrer ſchweren und ſichtlich ernſt genommenen Arbeit 
gewiß nicht träumen laſſen, daß nach mehr als 160 Jahren ihr Werk im Saarkalender unter 
„Heiteres vom Saargebiet“ seine fröhliche Auferſtehung feiern würde. 
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