Full text: 2.1924 (0002)

Saarkalender für das Jahr 1924. 
die ſich in den Kriegstagen verdient gemacht hatten, gezeichnet, Bürgermeiſter, Stadt- 
verordnete, Schmied, Tiſchler, Kappenmacher, Dienſtmann, Gendarmen, Damen und Dienſt- 
boten“. (Einige dieser Skizzen, wie Bürgermeiſter Schmidtborn, Kaufmann Quien, 
Schmied Nagel, Metzger Ziegler, Schulzen Kathrin und Volkstypen aus Saarbrücken 
ſind auf Seite 199-203 wiedergegeben.) ô 
„Die hiſtoriſchen Persönlichkeiten: Kronprinz Friedrich Wilhelm, Prinz Friedrich 
Karl, Bismarck und Moltke kannte ich in ihrem Weſen, ihrer Erſcheinung und ihren 
Gewohnheiten nach, soweit sie für den Maler in Betracht kommen, genau! jund hatte 
ſie dementsprechend und auf Grund meiner gezeichneten und gemalten Studien in sorg- 
fältiger Ausführung dargeſtellt.e Und trotz alledem vermißte Herr Jordan (Direktor 
der Nationalgalerie in Berlin) oder wer noch „ernsten Charakter“? Die Einstimmigkeit 
der Kunstkommission ernſt zu nehmen, hatte ich keine Veranlaſſung, denn die Pro- 
feſſoren Reinhold Begas, Albert Wolff und Julius Schrader erklärten mir, daß ſie 
in der Kommission durchaus nicht gegen meine Entwürfe gestimmt hätten. Vielleicht 
irrlen ſie ſich Nun war ich durch Erlaß vom 15. Oktober 1875 mit der Geſamt- 
dekoration des Saales beauftragt worden, hatte die Firma Kayser und v. Großheim 
mit der Ausführung des architektoniſchen Teiles betraut, der natürlich mit meinen 
Bildern im engsten Zusſammenhange stand; die Arbeiten waren seitens dieſer Firma 
an Handwerker vergeben worden und befanden sich in Ausführung, und ich hatte das 
Risiko für die Zahlungen zu tragen. Die Situation war für mich also recht unbehaglich, 
und ich konnte dem Herrn Minister nur antworten, daß mir das Votum der Kommiiſſion 
gar keine Anhaltspunkte für die Herſtellung anderer Entwürfe böte, daß ich aber ſsofort 
die in Arbeit gegebenen und in Ausführung befindlichen Arbeitenn einstellen lassen wiürde. 
Die Verantwortlichkeit für etwa entstehenden Schaden lehnte ich ab. Da inzwischen der 
Kaiſer die Skizzen in der Ausſtellung mit Interesse besichtigt und seine volle Be- 
friedigung darüber ausgeſprochen hatte, ſo konnte mein Geſuch, mir diejenigen Stellen 
der Entwürfe näher zu bezeichnen, die den erſt erwähnten ernsten Charakter vermissen 
ließen, nicht qut unberücksichtigt bleiben, und es erschienen am 7. Dezember zwei Herren 
aus dem Miniſterium zu dieſem Zwecke in meinem Atelier. Zunächſt forderten die Herren 
ſtrengſte Diskvetion, was mir nicht ganz erklärlich war, und dann entspann sich eine merk- 
würdige Unterhaltung, über die ein intereſſantes Protokoll aufgenommen wurde, weil der 
eine der Herren mit Mißbilligung bemerkt hatte, daß ich mir das, was gesprochen wurde 
nctierte, um nicht nur auf mein Gedächtnis angewiesen zu sein. So hieß es denn: die in der 
Volksmenge angebrachten Geſtalten des Schlächters und des Bäckers und des 
Schmiedes — alles wohlbekannte, angesehene Bürger von [Saarbrücken – und der Frau 
im Vordergrunde hätten Anstoß erregt; warum, wurde nicht gesagt. Die Frau war 
eine alte Diensſtmagd, als Schulzenkathrin in der ganzen Stadt bekannt, die während 
drs Sturmes auf den Spicherer Berg den Soldaten Waſſer gebracht, Verwundete aus 
dem Feuer geholt hatte und dafür dekoriert worden war. Ich war nur einem von 
allen Seiten in Saarbrücken ausgeſprochenen Wunſche gefolgt, als ich sie im Vorder- 
grund des Bildes „Die Ankumft des Königs“, mit ihrem Marktkorb am Arm, a! 
hatle.*) An dem Sturm auf den Spicherer Berg durch die 9. Kompanie des 39. In- 
fanterie-Regiments, unter der Führung des Generals v. Françgois, der hier fiel, wurde 
gerügt, daß die Darſtellung als eine kleine Gefechts-Epiſode und nicht als ein Glied 
in der Kette einer bedeutungsvollen Aktion erscheine. Die Erstürmung des sogenannten 
„Roten Berges“ hatte ich gewählt, weil sie entscheidend für die Schlacht war, und 
meine Frage, warum eine kleine Gefechtsepiſode nicht ein Glied in der Kette einer 
bedeutenderen Aktion sein könnte,. blieb unbeantwortet. Es schien mir aber, als ob 
die Herren von solchen militärischen Aktionen keine deutliche Vorſtellung hätten, denn 
. ſie wünſchten preußiſche Truppen auf dem Bilde weit im Hintergrunde gegen das 
  
Wirtshaus „Die goldene Bremm“ hin dargestellt zu sehen, wo um diese Zeit wegen 
des französischen Feuers von dem Hochplateau her noch gar keine hingekommen waren. 
Dann die Porträtfiguren. Bedenken erregt hätte die Haltung des Prinzen Friedrich 
Karl, weil er eine Zigarrenspitze in der Hand hielt und die andere in der Tasche der 
Huſarenjacke steckte; das sei nicht monumental. Ich hatte geglaubt, den Prinzen, der ein 
êſtarker Raucher war, so darſtellen zu müssen, wie ich ihn kannte, und wie ich ihn in 
Verfailles eines Abends in der. Villa André ſkizziert hatte; es handelte sich alſo um 
etwas historisch Beglaubigtes, Geſchehenes, Erlebtes, und ich hatte auch nie bemerkt, 
daß Seydlitz’! Tonpfeife, Blüchers und. des Kronprinzen Friedrich Wilhelm kurze Tabaks- 
*) Auf dieſem Bilde hat der Künſtler „die durch einen Zufall vereitelte Absicht zur 
Tat gemacht“. Vergleiche Saarbriicker Kriegschronik, S. 266. 
  
  
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