Full text: 1.1923 (0001)

Saarfalender für das Jahr 1923 
Aus dem Kunſtleben des Saarreviers. 
Malerei und Bildhauerkunſt. 
Von A. 3. 
Muſik und Geſang haben im Saargebiet ſeit Jahrzehnten eine liebevolle, ernſte Pflege gefunden; 
für ſie war hier lange ſchon eine Heimſtätte edler, deutſ<er Runſt, Wie könnte es au< anders 
ſein bei ſangesfrohen Rheinländern, beſonders in einer Seit, in der wir aus dem inneren Reichtum 
deutſchen Geiſtes und Gefühlslebens immer erneut die Uraft ſchöpfen müſſen, unſer Unglück zu 
ertragen. Don dem- ſchlichten Volkslied bis zu den unſterblihen Werken der Tonkunſt unſerer 
Meiſter ringen wir uns mit ihnen aus der Qual innerer Bedrängnis zur Befreiung der Seele aus 
dumpfen Niederungen, deren Nebel uns quälen und ſeeliſQ martern. 
Schwieriger geſtaltete ſic) die Entwicklung unſeres Theaterlebens. Von jenen Tagen der Sürſten- 
zeit, in denen ein Iffland hier auf der Bühne ſtand, bis heute, ein faſt ununterbro<ener Kampf, 
der uns, im Hinblick auf die gegebenen Derhältniſſe, zu einer ernſten Sielen mit Erfolg zuſtrebenden 
Leitung und tüchtigen Künſtlerwelt geführt hat. 
Muſik, Geſang und Theater haben gemeinſam ſtets die volle Aufmerkſamkeit der Saarpreſſe 
gefunden. Die Bevölkerung iſt daher vertraut mit dem Werdegang und dem Aufblühen dieſer 
Sweige deutſchen Geiſteslebens, das uns heute dreifa< willkommen iſt, ein Shußzwall gegen fremde 
Einflüſſe und für uns alle zugleich ein unzerreißbares Band germaniſ<her Rultur, das uns bezwingend 
und allgewaltig in den Tiefen unſeres Gefühlslebens pakt. Dank, daß ſol<he Herzen ſchlugen, 
deutſch für uns und Gottes voll, denen Licht für uns im Leide aus ihrer tiefſten Seele quoll! 
Weniger vertraut iſt unſere Bevölkerung mit zwei anderen Sweigen deutſcher Kunſt im Saarrevier, 
der Malerei und der Plaſtik. Dieſen Gebieten war die verhältnismäßig junge wirtſchaftliche Ent- 
wicklung unſerer Heimat nicht gerade günſtig. Erſt mußte der äußere Wohlſtand erkämpft werden, 
ihm folgt in einer neuen Generation das Verſtändnis und die Sreude an den Erzeugniſſen dieſer 
Künſte. Wie gerne hätte ih hierüber in einer längeren Ausführung geſchrieben, aber ich muß mich 
au<h in dieſem Punkte leider beſcheiden. Still darüber hinweggehen, konnte und wollte ich auh 
nicht, es wäre in dieſem Büchlein eine Lücke geweſen, die mich geſhmerzt hätte. Ein ganz Kurzer 
Rückblik mag daher hier Plaß finden. 
Nod vor drei Jahrzehnten traf ich ſelbſt in reichen Bürgerfamilien einen geradezu jämmerlichen 
Mangel an guten Bildern. Die Schaufenſter der Städte boten in dieſer Beziehung ein nicht weniger 
troſtloſes Bild. Kunſtliebende Männer ſezten zwar wiederholt ihre Uraft ein, Wandel zu ſchaffen, 
auch die Preſſe half willig mit bei mühſam arrangierten Gemälde-Ausſtellungen uſw., aber der 
Erfolg blieb gering. Nur langſam bahnte ſi< ein Sortſhritt an bei der Härte des äußeren Lebens- 
kampfes, der den bei weitem größten Teil der Bevölkerung vollſtändig in Anſpruch nahm. 
Der einzige Maler von Ruf, deſſen wir uns damals rühmen, konnten, blieb Karl Rödling 
(geb. 18. Okt. 1855). Als Schüler von Hildebrandt und Anton von Werner wurde er als Schladten- 
maler und Landſc<hafter in ganz Deutſchland bekannt und anerkannt. Daheim hatten wir zwei 
talentvolle und überaus fleißige Seichner, Alwin Siehme und Rauſch. 
Nad langer Pauſe tritt dann wieder ein erfolgreicher Saarbrücker hervor in Otto Weil (geb. 1884 
in Sriedrichsthal), der nah eifrigem Studium in Karlsruhe und München ſich zur Meiſterſchaft 
und eigenen Note in ſeinen Werken nad) längeren Arbeiten in den ſpaniſchen Muſeen durcringt. 
Im Saarrevier wie am Niederrhein ſind vielfach in Privatbeſitz ſeine Bauern- und Induſtriebilder 
(Burbaher, Dölklinger Hütte). Auch das Wandbild im Sitzungsſaal der Deutſchen Bank iſt ſein 
Werk. Wie ein glänzendes Meteor am deutſ<hen Kunſthimmel erſcheint ſodann der junge Albert 
Weißgerber-St. Ingbert. Er war nah dem Urteil. von Sachleuten dur< hohe Begabung berufen, 
ein Sührer und Bahnbrecher in der deutſc<en Kunſt zu werden. Es ſollte nicht ſein, er ſtarb den 
Heldentod auf dem Schlachtfeld für ſein Vaterland. 
In Saarbrücken erſchienen von Zeit zu Seit mehr oder weniger ſ<hlehte Wanderausſtellungen, 
die meiſt mit aufgeputztem Atelierkehri<t hier Geſchäfte zu machen verſuchten. Den erſehnten 
Wandel brachte hier Leonhard van Hees, der den damals gewiß kühnen Gedanken verwirklichte, 
in Saarbrücken eine ſtändige Ausſtellung von Arbeiten anerkannter deutſ<her Meiſter zu unterhalten 
und zugleih den heimiſchen Künſtlern den notwendigen Kontakt mit unſerer Bevölkerung zu ver- 
mitteln. Der mit ſeltener Energie dur<hgeführte Plan überwand alle Schwierigkeiten. Wir haben 
heute eine Galerie, die wir in unſerem Kunſtleben ni<t mehr entbehren möchten. YDornehmlich 
Düſſeldorfer und Mündener Meiſter von Ruf und Rang ſind mit ihren beſten Werken dort ver- 
treten. Künſtlervereinigungen von Karlsruhe, Weimar uſw. veranſtalten Sonderausſtellungen, ſodaß 
wir dur< den vorzüglich geleiteten Kunſtſalon van Hees in unſerer heutigen Abgeſchiedenheit der 
Derbindungslinie mit der deutſchen Kunſt nicht entbehren. Von der glücklichen Tat aus läßt 
ſich auch eine Hebung des Runſtgeſchmakes verfolgen. Man ſtellt, dur; das Vorbild angeregt, 
bald: allgemein höhere Anforderungen an den Kunſthandel, der zu unſerer Sreude von Jahr zu 
Jahr ſeine künſtleriſchen Auslagen vermehrt und heute darin eine a<htungswerte Stellung einnimmt. 
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