Full text: 1.1923 (0001)

Saarfalender für das Jahr 1923 
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Ueber Ausgrabungen im Saargebiet, 
Vom KRonſervator Regierungs- und Baurat Klein, 
Wo ſchriftliche Urkunden fehlen, bieten Funde zumeiſt allein die Möglichkeit, die Geſchichte der 
Heimat aufzuhellen. Funde können Gelegenheitsfunde ſein, d. h. ſie können bei der Aushebung 
von Hausfundamenten, Kanaliſation8- und Straßenbauten, bei landwirtſchaftlichen Arbeiten uſw. 
gemacht werden, oder ſie können den Erfolg von Ausgrabungen bilden, die .in der Abſicht, ge- 
ſchichtliche Gegenſtände zutage zu fördern, unternommen wurden. Die Wimtigkeit der Funde und 
Aus8grabungen g'ht daraus hervor, daß in vielen Staaten Geſeze und Verordnungen erlaſſen 
ſind, die das ſtaatliche Aufſichtsrecht für Funde und Ausgrabungen regeln. So gilt für den 
preußiſchen Teil des Saargebietes das Ausgrabungsgeſeß vom 26. März 1914, für den bayeriſchen 
die Verordnung vom 1. November 1908. Der weſentliche Jnhalt der beiden Geſezesvorſchriſten 
iſt, daß ohne die Zuſtimmung des Konſervator8 Grabungen nach geſchichtlichen Gegenſtänden 
nicht vorgenommen werden dürfen und daß der Entdecker ſolcher Gegenſtände, der Eigentümer 
des Grundſtückes oder der Leiter der Arbeiten, bei deren Ausführung Funde gemacht werden, 
verpflichtet iſt, ſofort Anzeige bei der zuſtändigen Ortspolizeibehörde zu erſtatten. Zuwider- 
handlungen werden namentlich dann ſtreng beſtraft, wenn ſie in gewinnſüchtiger Abſicht begangen 
wurden. Jm Saargebiet ſind biöher verhältniSmäßig wenig Grabungen nach Funden vorgenommen 
worden, was durch die Abgelegenheit der Amtsſike der in Betracht kommenden Behörden, in 
Trier und Speyer ſowie durch die geringen Geldmittel, die dem hieſigen Hiſtoriſchen Verein zur 
Verfügung ſtehen, erklärlich iſt. 
Nunmehr mögen einige Beiſpiele zeigen, welchen Wert Ausgrabungen für die Erforſchung der 
Geſchichte unſerer Heimat haben. Da3 Ergebnis der Ausgrabungen, die im Kaasbruch bei Neun- 
kirchen auf dem Banne der Gemeinde Wellesweiler vorgenommen wurden, war die Feſtſtellung, 
daß im Kaasbruch eine Töpferei zur Zeit der römiſchen Okkupation betrieben worden iſt. Ferner 
wurde ein Scherben einer Bilderſchüſſel gefunden, der den Stempel 1. A. L. trägt, denſelben 
Stempel, den der Direktor des Muſeums in Speyer, Dr. Sprater, 1913 bei der Freilegung eines 
römiſchen Töpferofens in Bliweiler bei Blieskaſtel feſtgeſtellt hat, ſo daß eine Beziehung zwiſchen 
den Siedlungen im Kaaöbruch und in Blikkweiler zur römiſchen Kaiſerzeit gegeben iſt. Vielleicht 
gelingt es der Forſchung noch, den vollen Namen des Töpfermeiſters, die Zeit und . die Orte 
ſeiner Tätigkeit zu ermitteln. 
Hauptſächlich im Frühjahr dieſes Jahres in der Heidenkapelle auf dem Halberg bei Saarbrücken 
vorgenommene Ausgrabungen hatten ſehr wichtige Ergebniſſe. Die Unterſuchungen ſind noch 
nicht abgeſchloſſen, doch kann ſchon jetzt geſagt werden, daß durch die Ausgrabungen nachge- 
wieſen iſt, daß von der keltiſchen Zeit ab gerechnet ſich ſo ziemlich zu allen Zeiten Menſchen 
in der Heidenkapelle betätigt haben. Das beweiſt die Auffindung einer keltijchen Regenbogen- 
ſchüſſel, römiſcher Gefäßſcherben und Münzen, der Podien eines Mithraeums, mittelalterlicher Ge- 
fäßich' rben, eines dem 14. Jahrhundert zuzuſchreibenden Chriſtuskopfes, eines Bruchſtükes einer 
Skulptur der Spätrenaiſſance, verſchiedener Architekturfragmente derſelben Zeit, des Bruchſtükes 
eines Louis XYV1.-Reliefs und von Münzen aus der Zeit von 1808, 1821, 1855 und 1866. 
„Veber dieſe Funde und die aus ihnen zu ziehenden Schlüſſe wird ſpäter einmal noch ausführ- 
li< zu berichten ſein. 
Auch die Aus8grabungen an der Burgruine Kirkel waren von Erfolg begleitet. Von der Burg- 
anlage ſtehen bekanntlich nur noh die Reſte der beiden Bergfriede, die wenig <arakteriſtiſche 
Urchitekturſtü>e aufweiſen. Dieſe Stücke laſſen, ſoweit ein Urteil möglich iſt, auf das Ende der 
Spätgotik ſchließen. Bei den Au8grabungen wurden aber außer einem Stück von einem ſpätgotiſchen 
Fenſtermittelpfoſten zwei Architekturfragmente gefunden, nämlich ein Geſims- und ein Gewände- 
ſtü>, die unzweifelhaft in der frühgotiſchen Zeit hergeſtellt ſind. Auf die Zeit der Frühgotik 
weiſen aber auch Hohlziegel mit Naſen hin. Die Dachde>ung mit Hohlziegeln, die mit Naſen 
verſehen waren, um das Abtutſchen zu verhindern, die demnach für ſteile Dächer berechnet war, 
wurde in unſerer Gegend ſchon in der Zeit der Hochgotik dur< die Biberſchwanzde>ung verdrängt 
und iſt heute gänzlich unbekannt. Hier wurden alſo die ſchriftlichen Urkunden durch die Urkunden 
aus Stein inſofern ergänzt, als auch durch die Funde ein frühgotiſcher Bau feſtgeſtellt iſt. Frühe 
mittelalterliche Gefäßſcherben ſtützen dieſe Feſtſtellung. Nun werden aber auch prächtige Stüce 
von ſchwarz und grün glaſierten Ofenkacheln aus der Zeit der Hochrenaiſſance zu Tage gefördert. 
Sie geben eine Vorſtellung von der inneren Ausſtattung des Palas in der erſten Hälfte des 
17. Zahrhunderts. Bei den Fundſtücken lagen mit Renaiſſanceornamenten verzierte Stücke von 
holländiſchen Pfeifen, die wohl auf den Kachelöfen gelegen hatten und mit dieſen bei der Zer- 
ſtörung der Burg unter dem Schutt begraben wurden. 
Aus dieſen Beiſpielen mag erſehen werden, wie ſehr Funde geeignet ſind, die Geſchichte der 
Heimat aufzuhellen. Aber ſie dürfen nicht in die Hände von Leuten geraten, die lediglich der 
Sammlungswut frönen oder die gar ein Geſchäft mit den Funden machen wollen. Darum jollen 
Funde ſofort angezeigt und an die zuſtändige Stolle abgeliefert werden. Das Unterlaſſen einer 
ſofortigen Anzeige kann für die wiſſenſcha Forſchung inſofern von großem Schaden ſein, als 
dadurch die äußerſt wichtige photographiſche Aufnahme der Gegenſtände in der Lage, in der ſie 
au gedeckt wurden, vereitelt wird. 
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