Full text: 1.1923 (0001)

Saarfalender für das Jahr 1923 
Der fremde Gaſt. 
Von Adolf Kirchner, St. Ingbert. 
Im Schnellzug, Abteil zweiter Klaſſe. Vier Herren ſitzen in lebhaftem Geſpräch, - einer aber 
ſteht, ihnen den Rücken wendend, am Fenſter. Er blickt hinaus in die Landſchaft, die ſonnen- 
beſchienen daliegt: Felder, Wälder, Dörfer, Städte. Birken blitzen auf mit erſtem Grün behangen, 
blühende Bäume. Er nickt: Frühling. 
Dafür haben die andern kein Auge. Der in der einen E>e -- mit dem Geſicht der Fahrt- 
richtung des Zuges zugekehrt, anders kann er nicht fahren -- läßt zum ſoundſovielten Male 
jeine ſchwergoldene Uhrenkette durch die di>en, roten Finger gleiten. „Heutzutage noch Geſchäfte 
machen,“ poltert er los, „nicht3 zu bekommen, das Wenige teuer eingekauft. Ausweiſe vor- 
zeigen. Gerade die von jenſeits der Grenze waren die beſten Kunden. Legten einfach ihre 
Franken auf den Tiſch, fragten nicht lang, was es koſtet. Perſonal, Miete, Teuerung. Not- 
wendigſte Lebensmittel kaum zu erſtehen.“ 
Und bei dieſen Worten zieht er mit den ihm eigentümlichen haſtigen Bewegungen ſein Ein- 
gewickeltes aus der Taſche: zwei di> mit Wurſt und Schinken belegte, butterbeſtrichene Semmel. 
Eifrig kaut er. 
Die übrigen drei ſehen ſich an, zwei von ihnen ſchwingen ſich zu einem verſtändnis3innigen 
Lächeln auf. Nichtsdeſtoweniger beeilen ſie ſich, ihr beſtimmendes: „Ja, ja“ zu brummen und 
zu murmeln. 
Nun hat der in der anderen E>Xe das Wort. Jhm machts -- wie e3 ſcheint nichts aus, ob 
er die Lokomotive vor oder hinter ſich hat; dafür fällt ihm aber das Stillſizen ſchwer, =- un- 
ruhig rutſcht er hin und her. 
„Rein toll die Welt“, geifert er, „rein kaput. Was ſoll man machen ? Kaufen hier“ =- er 
zeigt nach Weſten = „kaufen dort“ -- nun ſpreizt er den Daumen nach der gegenüberliegenden 
Wand des Abteils -- „kaufen für Franken oder für Mark ? Man hat die ſchweren Frachten zu 
zahlen und hat das Riſiko. Der Pöbel hat mir das Geſchäft demoliert, Schaufenſter eingeſchlagen, 
geplündert. Der ganze Profit fort! Man hat mich ſogar an meinem eigenen Leben bedroht. 
Und eingeſperrt haben fie mich noch dazu, weil ich raufgezeichnet habe, ich wollte zweihundert 
Prozent, weil man doch bei hundert Prozent nicht mehr exiſtieren kann.“ Er iſt aufgeſtanden 
bei jeiner Rede, nun ſicht er noch eine Weile mit den Händen ohne zu ſprechen, dann wirft ex 
fich erſchöpft mit entrüſtetem Kopfſchütteln auf ſeinen Sitz zurück. 
„Schlimme Welt,“ ſtimmten die Reiſegenoſſen bei. 
„Sie wollen auch vergrößern," wendet ſich der Dritte an den Vierten. 
„Freilich“, antwortete der, „ſcheint ſich bei Jhnen rentiert zu haben.“ 
„Warum nicht!“ der Dritte wieder, „günſtige Zeit. Muß man ausnüßen.“ 
„Ja, ja, ausnüßen,“ wiederholen die andern Drei. Und der mit der goldenen Kette ſett 
hinzu: „Geſchäft muß gemacht werden. Und wenn wir's nicht machen, machen's andere.“ Wieder 
allſeitige Beiſtimmung. 
„Den Mammon haben ſie in der Bruſt. Alle, alle!" Erſchro>en ſchweigen die Vier. Betreten 
ſehen ſie ſich an. 
Wer hat das geſagt? | 
E3 iſt ihnen, als ob ein durchdringender Bli auf ihnen ruht, den ein geiſterhaft bleiches 
Antlitz zu ihnen ſendet. Aber der Fünfte ſteht nach wie vor am Fenſter, in die Landſchaft 
hinausſ<hauend. | 
Tiefes Schweigen im Abteil. 
Der Zug rollt weiter der großen Stadt entgegen, die ſeinen Zielpunkt darſtellt. 
Sonne leuchtet vor dem Fenſter . .. Frühling, Frühling ! 
Nun ſchlendert er durch die Straßen, alles aufmerkſam betrachtend, alles beobachtend. Manch 
einer ſchaut dem hochgewachſenen, ſchwarz gekleideten Manne verwundert nach, deſſen Augen [vo 
durchdringend blicken, ſo ſonderbar leuchten. 
Vor einem Bankhaus ſtaut ſich die Meixige. 
Zahltag! Franken! =- Man muß doch gut umwechſeln, jeden Vorteil zu erhaſchen ſuchen. 
Frankenempfänger!. = Wer Franken bezieht, iſt ein Herr, kann ſich was leiſten; wer keine 
befommt, ein armer Teufel, den der Teufel holen ſoll. 
Franken! =- Wenn ich nur hätte, ich ganz allein. =- Und wenn die andern hungern! -- Pah, 
wer gibt mir, wenn ich nichts habe! 
Heiliger Eigennuß, dich bet' ich an! 
Doch weh, geſtern ſtand er höher! Schon wieder geſunken. = Eigentlich müßt er weiter ſinken. 
Da drüben die Genoſſen, die Brüder, das Vaterland! -- 
108
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.