Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

74

tion  drohte  -  ohne  Nutzen  für  die  Militärregierung  (les  brimades  qui  ne  sont  pas  payantes
  doivent  etre  evitees)  -,  hätte  andererseits  eine  Entnazifizierung  der  Unternehmerschaft ­
  vor  allem  einen  positiven  psychischen  Effekt  auf  die  deutsche  Bevölkerung ­
 22 .  Baumont  schlug  daher  ein  abgestuftes  Vorgehen  vor.  Zuerst  sollte  das  Führungs-
  und  Leitungspersonal  in  den  wichtigsten  Betrieben  entnazifiziert  werden.
Diese  Maßnahmen  sollten  rasch  abgeschlossen  werden,  um  den  Wiederaufbau  nicht
zu  lange  zu  behindern:  II  etait  necessaire,  en  effet,  de  mettre  fin  ä  de  longues  incertitudes,
  source  de  marasme  economique  ...  L'economie  allemande  ne  pourra  reprendre
  une  veritable  activite  que  quand  tous  sauront  ä  quoi  s'en  tenir  sans  sentir  toujours
  peser  sur  eux  de  lourdes  menaces 23 .  Als  wichtigste  Betriebe  sollten  die  Firmen
gelten,  die  mehr  als  50  Personen  beschäftigten  oder  gegen  Kriegsende  einen  Kapitalstand ­
  über  500.000  RM  besaßen 24 ;  für  landwirtschaftliche  Unternehmen  sollten
andere  Kriterien  gelten.  Damit  wollte  Baumont  der  Wirtschaftsstruktur  der  französischen ­
  Zone  gerecht  werden  und  ausschließen,  daß  zu  viele  Firmen  -  zum  Beispiel  im
Handwerksbereich  -  der  Entnazifizierung  entgingen 25 .
Bei  der  Zusammensetzung  der  deutschen  Entnazifizierungorgane  wurden  zwei  Modelle ­
  diskutiert:  betriebsinteme  oder  Vertreter  gesellschaftlicher  Gruppen  einschließende ­
  Ausschüsse.  Das  erste  Modell  trug  der  Sorge  Rechnung,  daß  durch  betriebsfremde ­
  Mitglieder  politische  Konflikte  in  die  Betriebe  hineingetragen  werden  könnten, ­
  die  die  Produktion  gefährden  würden.  Zugespitzt  formuliert,  würden  die  Nationalsozialisten ­
  durch  Kommunisten  ersetzt  werden:  On  eliminerait  les  nazis  par  les
communistes,  ce  qui,  sans  doute,  garantirait  davantage  l’elimination  des  nazis;  mais
ä  quel  prix?  Für  das  andere  Modell  sprach  die  Sorge  um  den  sozialen  Frieden:  Durch
die  Einbindung  der  Arbeitervertreter  sollten  Streiks  vermieden  werden 26 .  Bis  Ende
Oktober  arbeiteten  Baumont  und  Amal  in  Abstimmung  mit  den  verschiedenen  Abteilungen ­
  der  Wirtschaftsdirektion  und  in  Absprache  mit  Curial  die  Entnazifizierungsdirektive ­
  für  den  Wirtschaftsbereich  aus 27 .

22  Ebd.;  Dönazification,  29.11.1945  (Anm.  12).
23  Ebd.
24  Für  die  ZFO  rechnete  die  Militärregierung  mit  folgender  Untemehmensstruktur:  85  Unternehmen  mit
mehr  als  1.000  Arbeitnehmern,  700  zwischen  200  und  1.000  Arbeitnehmern,  2.300  zwischen  51  und
200,  10.000  zwischen  II  und  50,  16.000  Unternehmen  zwischen  6  und  10  und  330.000  Unternehmen
mit  weniger  als  6  Arbeitnehmern;  ebd.
25  In  der  amerikanischen  Zone  galten  als  Grenzwerte  250  Arbeitnehmer  oder  ein  Kapitalbestand  über
1.000.000  RM;  Rapport,  16.10.1945  (Anm.  6).  Hierzu:  Lacroix-Riz,  Annie;  La  denazification  6conomique
  de  la  zone  d'occupation  americaine:  la  perception  fran^aise  du  phenomene,  in:  Revue  historique
283  (1990),  S.  303-347.
26  Baumont  erwähnte  einen  Streik  von  600  Arbeitern,  die  in  ihrem  Betrieb  den  Beginn  von  Entnazifizierungsmaßnahmen ­
  gefordert  hatten;  Baumont,  5.9.1945  (Anm.  10).
27  CCFA/CAB/C  2516:  Laffon  an  die  Ddldgu^s  Sup^rieurs,  31.10.1945;  AOFAA  DGAP  c.3306  p.U5.
Siehe  das  Kapitel  C.1.2.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.