72
festgelegt. Sie sollten durch Internierung und Entlassung außerstande gesetzt werden,
die politischen Ziele der Besatzungsmacht und den Neuaufbau des politischen Lebens
zu gefährden: Sans doute tout le monde est d'accord pour que ceux des nazis
qui ont ete, ä l'egard soit de leurs compatriotes aryens ou non aryens, soit des etrangers,
de redoutables brutes, parfois me me de veritables criminels, soient severement
frappes et, en tous cas, mis hors d'etat de nuire.
Schwieriger war für Baumont die Frage nach der Behandlung der nazis de coeur zu
beantworten (on s'aventure sur un terrain mouvant). Er war zwar optimistisch, daß
bei einigen ehemals überzeugten Nationalsozialisten ein Umdenkprozeß bereits eingesetzt
habe - mais comment sonder les coeurs? Sie müßten deshalb aus dem öffentlichen
Dienst und von allen anderen einflußreichen Posten entfernt werden. Was
sollte man aber mit der Masse der NSDAP-Mitglieder anfangen? Die Mehrheit war
aus opportunistischen Gründen (nazis d'ajfaire) oder aus Ängstlichkeit der Partei
beigetreten. Le parti national-socialiste comptait plus de membres nominaux que
d'authentiques nazis, stellte Baumont fest. Wo sollte aber die Linie zwischen den nur
nominellen und den aktiven Nationalsozialisten gezogen werden? Baumont wehrte
sich dagegen, die Entnazifizierung nur auf die Bestrafung der NS-Aktivisten zu beschränken:
Au point de vue frangais on est moralement tenu de pousser l'entreprise de denazification
non seulement parmi les vrais nazis, les nazis de coeur, mais parmi les
nazis d'ajfaires ... Si Von veut favoriser les elements democratiques en Allemagne,
il ne faut pas que la denazification puisse apparaitre comme une simple mesure
de fa^ade 12 .
Kritisch untersuchte Baumont den Einfluß der öffentlichen Meinung in den USA auf
die OMGUS-Politik und wehrte sich gegen den im Ausland erhobenen Vorwurf, daß
die französische Militärregierung keine ernsthafte Entnazifizierung betreibe. Er akzeptierte
zwar die Gründe, die für eine automatische Entlassung aller Parteimitglieder
vor 1937 sprachen, wie es die amerikanische Julidirektive 13 vorschrieb. Als entscheidenden
Nachteil gegenüber dem Datum 1933 betrachtete er aber die große Zahl
der dadurch zu entlassenden Personen. Daher plädierte er für die Beibehaltung des
Stichjahres 1933, wie es das SHAEF-Handbook vorgesehen hatte 14 . Mit Genugtuung
registrierte er, daß in der amerikanischen Zone angesichts des drohenden Kollapses
in Wirtschaft und Verwaltung bereits wieder ein Umdenken stattfand: Les Americains
sont donc actuellement en train de faire un peu machine arriere 15 .
12 Baumont, 5.9.1945 (Anm. 10); CCFA/DGEF/CAB: "La Denazification, particuli&rement en matiere
economique et financi£re", 29.11.1945; AOFAA DGAPc.233 p.52 d.2.
13 USFET-Direktive: "Removal of Nazis and Militarists", 7.7.1945: Part 2: "Mandatory Removal and
Exclusion Categories": 2. The NSDAP b. All members of the NSDAP who joined the party or were accepted
for membership before 1 May 1937, or who have otherwise been more than nominal participants
in activities of the NSDAP\ OMGUS, S. 25 (Kapitel B.2.2., Anm. 21).
14 Es handele sich bei den dadurch betroffenen Personen nur um 4% der Beamtenschaft und sei deshalb
ohne Schwierigkeiten durchführbar; Baumont, 5.9.1945 (Anm. 10).
15 D6nazification, 29.11.1945 (Anm. 12). Zur amerikanischen Entnazifizierungspolitik und ihrer unrealistischen
Verschärfung der Entlassungskriterien: Henke, Die Trennung, S. 34ff. Niethammer spricht von
"Public-Relations-Maßnahmen" Clays; Niethammer, Entnazifizierung, S. 657, 147ff., 244ff.