Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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Vorwort 
Nur wenige Themen der Nachkriegszeit wecken noch heute in der rheinland-pfälzi 
schen Bevölkerung ähnlich starke Emotionen wie die Diskussion um die Entnazifizie 
rungspolitik der Siegermächte. 
Rainer Möhler geht dieser Frage nach der historischen Bedeutung der französischen 
Entnazifizierungspolitik und ihrem Stellenwert innerhalb der Besatzungspolitik nach 
und trifft zugleich den “Nerv der Zeit”. Denn das Thema der neuesten Veröffentlichung 
der Schriftenreihe der Kommission des Landtages Rheinland-Pfalz für die Geschichte 
des Landes ist hochaktuell. Die öffentliche Diskussion um die Stasi-Vergangenheit und 
die Entnazifizierung hat den Streit um die NS-Vergangenheit wieder aufgerührt. 
Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte steht auch heute die seit einem Vortrag Adornos 
im Jahr 1959 berühmt gewordene Frage nach der “Aufarbeitung der Vergangenheit”. 
Sicher waren und sind Ziel und Sinn einer redlichen Vergangenheitsbewältigung nicht 
nur die Auswechslung der politisch belasteten Eliten und die Herstellung politisch 
gerechter Verhältnisse. Vielmehr sollte die Entnazifizierung und soll die Entstasifizie- 
rung zur Umkehr und Neubesinnung beitragen. 
“Es sei nicht Zweck der Entnazifizierung, Rache auszuüben”, resümierte die französi 
sche Militärregierung. Das nationalsozialistische Gedankengut sollte vielmehr durch 
Umerziehung zu einer rechtsstaatlich-demokratischen und humanen Gesinnung ausge 
merzt werden und hieraus die gewollte liberale politische Kultur hervorgehen. 
Der Faschismus war mit dem Jahr 1945 und der sich anschließenden Entnazifizierung 
nicht einfach weggewischt. In seinen “Bemerkungen zu einer verworrenen Diskussion” 
stellt Jürgen Habermas fest, daß “nach 1945 die Nation in dem dumpfen Bewußtsein, 
daß sich Hitler auf eine breite Zustimmung hatte stützen können, gegen die ‘Siegerju- 
stiz’ zusammenhielt, ohne sich überdas Ausmaß der Verbrechen ernsthaft Rechenschaft 
abzulegen”. 
Nicht zuletzt die fehlende Vergangenheitsbewältigung entzündete bereits in den 60er 
Jahren die massive studentische Kritik an der bundesrepublikanischen Gesellschaft. 
Auch das aktuelle politische Klima zeigt schmerzhaft die Symptome jenes Aufarbei 
tungsdefizits auf. Neonazis und Skinheads haben eine gefährliche Allianz gebildet. Tag 
für Tag überfallen sie ausländische Mitbürger, Nacht für Nacht lassen sie Asylanten 
wohnheime brennen. Viele Mitbürger schauen weg, oder zeigen gar Verständnis - wie 
bei der Pogromnacht 1938. Damit erhält der Verdacht, wir hätten wesentliche Teile 
unserer Geschichte nur verdrängt und nicht wirklich verarbeitet, neue Nahrung. 
Die “Unfähigkeit zu trauern”, die wohl auch die Dynamik ermöglichte, die in West 
deutschland zu staunenswerten wirtschaftlichen Leistungen und zu Führungspositionen 
in den Ranglisten der Produktivität führte, verhinderte lange Zeit die lebenswichtige 
Diskussion über die ethische und politische Aufarbeitung der Vergangenheit. 
Im Gegensatz zur Adenauer-Zeit wird heute der juristische und gesellschaftliche Prozeß 
zur Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit im Prinzip von allen Seiten als notwendig 
anerkannt. Durch die zu spät in Gang gekommene Diskussion über die Naziverbrechen 
sind Bürgerinnen und Bürger für Themen der Vergangenheitsbewältigung ohnehin 
sensibilisiert.
	        

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