Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

39

entnazifizierte  und  im  Dienst  belassene  Beamte  unter  den  Ausgewiesenen  befunden
hatten 37 .
Die  Militärregierung  in  Baden-Baden  kritisierte  den  Verlauf  der  Ausweisungsaktion:
Statt  der  vorher  angekündigten  Zahl  von  über  800  waren  nur  485  Personen  in  Saarbrücken ­
  in  den  Zug  gesetzt  worden,  von  denen  nur  450  in  Württemberg-Hohenzollern
  ankamen.  Da  von  den  den  Transport  begleitenden  Gendarmen  keine  Flucht  gemeldet ­
  worden  war,  waren  -  so  die  Vermutung  der  Sürete  in  Baden-Baden  -  noch  in
letzter  Minute  Ausweisungsbefehle  zurückgenommen  worden 38 .  Laffon  beschwerte
sich  bei  Grandval  und  ermahnte  ihn,  angesichts  der  laufenden  diplomatischen  Verhandlungen ­
  die  bisherige  Politik  konsequent  weiterzuführen 39 .
Die  Ausgewiesenen  wurden  zuerst  im  Grenzlager  Biberach  untergebracht  und  dort
von  der  Sürete  befragt;  es  waren  keinerlei  Begleitpapiere  mitgeschickt  worden 40  41 .  Der
zuständige  evangelische  Lagerpfarrer  Dilger  berichtete:  Im  Lager  befänden  sich  Personen ­
  im  Alter  von  acht  Monaten  bis  79  Jahren,  darunter  Akademiker,  höhere  Beamte ­
  der  Reichsbahn,  führende  Persönlichkeiten  aus  Industrie,  Handel  und  Gewerbe,
Ärzte  und  Lehrer,  aber  auch  Handwerker  und  einfache  Arbeiter  -  die  große  Mehrheit
sei  evangelisch.  Ein  Teil  der  Ausgewiesenen  sei  NSDAP-Mitglied  gewesen,  aber  es
befänden  sich  auch  einige  Gegner  des  Nationalsozialismus  darunter.  Keinem  der  Betroffenen ­
  sei  eine  nähere  Begründung,  die  über  den  Text  des  Ausweisungsbefehls
hinausgehe,  vorgelegt  worden.  Dilger  schloß  seinen  Bericht  mit  der  Feststellung:
Nach  welchen  Gesichtspunkten  die  Ausweisungen  erfolgt  sind,  ist  nicht  zu  erkennen ­
 41 .  Auch  der  Saarbrücker  Kirchenrat  Otto  Wehr  konnte  sich  die  Ausweisungen
nicht  ausschließlich  als  Maßnahme  aufgrund  einer  vorliegenden  politischen  Belastung ­
  erklären;  er  vermutete  vielmehr,  daß  die  anti-französische  Haltung  der  Betroffenen ­
  den  Ausschlag  gegeben  hatte 42 .
Namenslisten  der  Ausgewiesenen  konnten  in  den  Archiven  nicht  aufgefunden  werden; ­
  einzelne  Fälle  sind  aber  bekannt:  zum  Beispiel  die  Ehefrau  des  ehemaligen
Reichskanzlers  von  Papen  (eine  geborene  von  Boch),  ein  ehemaliger  SD-Mann,  ein

37  GMZFO/DOCF/Prösidence  de  Sarrebruck:  Toubeau  an  Grandval,  14.2.1947;  MAE  NANTES  Cab.Pol.
81/49.
38  CCFA/SUR/CAB  518:  Direktor  Andrieu  an  Laffon,  8.7.1946;  AP  GB  457  AP  72.  Grandval  konnte
sich  später,  bei  der  Abfassung  seines  Memoirenmanuskriptes,  nicht  mehr  an  die  Gründe  erinnern,
warum  statt  der  geplanten  Zahl  von  rund  850  nur  450  Ausweisungen  tatsächlich  durchgeführt  worden
waren;  siehe  die  handschriftliche  Anmerkung  in  seinen  Unterlagen  zu  der  Ausweisungsaktion  1946:
Qui  a  Juillet  46  expulsions  annulees?\  AP  GG  d.7-U.  Kirchenrat  Wehr  meldete  am  20.  August  1946
der  Kanzlei  der  EKiD,  daß  es  ihm  in  einzelnen  Fällen  gelungen  sei,  die  Ausweisung  durch  das  Entgegenkommen ­
  des  Gouverneurs  zu  verhindern.  Dies  habe  er  aber  nur  in  den  Fällen  tun  können,  die  ihm
persönlich  bekannt  gewesen  seien,  und  für  die  er  habe  bürgen  können;  EZA  2/140.
39  Konferenz  des  Rates  der  Außenminister  in  Paris,  25.4.-16.5.  u.  15.6.-12.7.1946.  Zur  Saarfrage:  Kessel,
S.  150ff.  CCFA/CAB/C  5039:  Laffon  an  Grandval,  19.7.1946;  AOFAA  DGAP  c.232  p.48.  Siehe  auch
den  Bericht  Laffons  an  das  CGAAA,  25.8.1946;  MAE  Z  EU/Sarre  1944-^9  d.  18/41.
40  Andrieu,  8.7.1946  (Anm.  38).
41  Ev.  Stadtpfarramt  Biberach-Riss/Der  Lagerpfarrer  für  das  Grenzlager  Biberach,  Dilger,  an  Landesbischof ­
  Wurm,  8.7.1946;  EZA  2/140.
42  Kirchenrat  Wehr  an  die  Kanzlei  der  EKiD  in  Schwäbisch-Gmünd,  20.8.1946;  EZA  2/140.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.