Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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Die  verstärkten  Einflußmöglichkeiten  der  deutschen  Verwaltung  und  der  Parteien  auf
die  Entnazifizierungspolitik  führten  dazu,  daß  die  Entnazifizierung  zunehmend  ihren
Charakter  als  politisches  Verfahren  zur  Ermittlung  und  Ahndung  einer  politischen
Schuld  verlor.  Stattdessen  wurde  versucht,  mittels  eines  rechtsstaatlichen  Justizverfahrens ­
  das  politische  Erbe  des  Nationalsozialismus  aufzuarbeiten.  Parteien  und
Verwaltung  ging  es  jedoch  bald  nur  noch  darum,  die  Entnazifizierung  so  rasch  wie
möglich  abzuwickeln.  Eine  Spaltung  der  Bürgerschaft  in  zwei  verschiedene  Gruppen
wurde  als  unvereinbar  mit  dem  neuen  demokratischen  Staat  angesehen.  Außerdem
stellten  die  Millionen  Mitläufer  ein  von  allen  Parteien  umworbenes  Wählerpotential
dar.  Personalmangel  in  vielen  Bereichen  des  öffentlichen  Lebens  und  die  Amnestie
zahlreicher  Nationalsozialisten  führten  zu  einer  immer  stärker  werdenden  personellen ­
  "Renazifizierung",  der  Reintegration  ehemaliger  Pgs  in  die  öffentliche  Verwaltung. ­
  Eine  Entwicklung,  der  die  Militärregierung  ohnmächtig  Zusehen  mußte.
Die  Entnazifizierung  war  von  Anfang  an  -  die  ersten  Wochen  der  Besatzung  ausgenommen ­
  -  eine  unpopuläre  Besatzungspolitik 3 .  Seit  1946  wurde  es  immer  schwieriger, ­
  geeignete  und  politisch  unbelastete  Personen  für  die  Mitarbeit  zu  gewinnen.
Auch  die  Parteien  entzogen  sich  mehr  und  mehr.  Die  Abneigung  in  der  Öffentlichkeit ­
  wuchs  von  Jahr  zu  Jahr,  da  die  Entnazifizierung  angeblich  stets  nur  die  Falschen
traf.  Die  wahren  Schuldigen  sollten  endlich  bestraft  werden  -  doch  wer  war  damit
gemeint?  Da  auch  für  die  politisch  schwer  Belasteten,  die  in  den  Internierungslagern
die  ersten  Jahre  festgehalten  worden  waren,  Milde  gefordert  wurde,  blieben  letztendlich ­
  nur  die  in  Nürnberg  verurteilten  Hauptkriegsverbrecher  übrig.  Die  Spruchkammermitglieder ­
  konnten  und  wollten  sich  diesem  "gewaltigen  Zug  der  Milde"
(Justizminister  Heinz  Braun,  Saarland)  nicht  verschließen.  Juristische  Methoden  und
Argumentationsweisen,  das  ergab  die  Untersuchung  der  saarländischen  Spruchkammerakten, ­
  waren  untauglich,  um  politische  Schuld  festzustellen 4 .
Trotz  personeller  "Renazifizierung"  und  milder  Spruchkammerurteile  ist  es  jedoch
falsch,  von  einem  völligen  Scheitern  der  Entnazifizierung  zu  sprechen.  Besonders  die
Entlassungen  der  ersten  beiden  Nachkriegsjahre  und  die  Internierungen  gaben  der
neuen  deutschen  Demokratie  Schutz  vor  nationalsozialistischem  Einfluß.  Die  neue
politische  Führungselite  konnte  sich  in  Ruhe  formieren.  Als  durch  die
"Renazifizierung"  die  ehemaligen  Pgs  wieder  in  die  Ämter  kamen,  hatten  die  demokratischen ­
  Kräfte  die  ersten  Aufbaujahre  bereits  erfolgreich  abgeschlossen.  Die  ehemaligen ­
  Nationalsozialisten  waren  bereit,  sich  in  den  neuen  demokratischen  Staat
einzufügen.  Es  kam  zu  keiner  ideellen  Renazifizierung  der  deutschen  Verwaltung.
Hinzu  kam,  daß  durch  die  Entnazifizierung,  trotz  aller  berechtigten  Kritik  an  ihrer

3  Siehe  hierzu:  Institut  für  Demoskopie:  Die  öffentliche  Resonanz  der  Entnazifizierung.  Bericht  für  das
Institut  für  politische  Wissenschaft  Frankfurt.  Allensbach  1954.
4  Der  eigentliche  Skandal  der  Nachkriegszeit  ist  die  milde  strafrechtliche  Verurteilung  der  NS-Gewalttäter.
  Hierzu:  Einleitung,  Anm.  43.  Siehe  auch:  Bertram,  Günter:  Vergangenheitsbewältigung  durch
NS-Prozesse?  Individualschuld  im  "Staatsverbrechen",  in:  Das  Unrechtsregime.  Internationale  Forschung ­
  über  den  Nationalsozialismus.  Festschrift  für  Werner  Jochmann  zum  65.  Geburtstag/hrsg.  von
Ursula  Büttner  u.a.  2  Bde.  Hamburg  1986,  hier  Bd.  2,  S.  421^449.
            
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