Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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ten, unterschied sich das neue Spruchkammerverfahren von der bisherigen Entnazifi 
zierung. Juristische Bestimmungen gewannen gegenüber dem politischen Inhalt des 
Verfahrens deutlich Oberhand. Auch in Rheinland-Pfalz und im Saarland - wie be 
reits im übrigen Deutschland - entwickelte sich die Entnazifizierung jetzt zu einer 
"Mitläuferfabrik" (Lutz Niethammer). Die Militärregierung entschloß sich - von Pa 
ris gedrängt durch Amnestien den Betroffenenkreis weiter einzuschränken. Die 
Entnazifizierung sollte so zügig wie möglich beendet werden. Deutsche Vereinfa- 
chungs- und Abschlußgesetze ergänzten die Amnestien. 
Trotz der Gründung des Landes Rheinland-Pfalz im August 1946 und des Inkrafttre 
tens des landeseinheitlichen Entnazifizierungsgesetzes im April 1947 unterschied 
sich die Entnazifizierung in der Pfalz weiterhin von der des anderen Landesteils. Der 
stellvertretende Landeskommissar für die Pfalz, Wolf, achtete darauf, daß der Zweck 
der Entnazifizierung nicht völlig in Vergessenheit geriet, und die Arbeit der Spruch 
kammern wurde von der Militärregierung in Neustadt schärfer kontrolliert. Das 
Saarland verfolgte seit Mitte 1947 einen eigenen Weg, obwohl der Kontakt zum Ser 
vice Epuration in Baden-Baden bis zum Jahresende 1947 aufrecht erhalten wurde. 
Sowohl für die Militärregierung als auch für die saarländische Verwaltung war eine 
rasche Beendigung der Entnazifizierung oberstes Gebot. Die Epurationsorgane ar 
beiteten erstinstanzlich bis Ende 1948 weiter, die Spruchkammern waren nur für Ein 
sprüche und die Verhandlungen gegen die Internierten zuständig. Es wurde weder 
ein Meldeverfahren durchgeführt, noch wurden die CSE-Bescheide nach den Be 
stimmungen der KR 38 kategorisiert. Dadurch blieb der Betroffenenkreis auf die Be 
rufstätigen in Verwaltung und Privatwirtschaft sowie die bekannten NS-Aktivisten 
beschränkt. Die Entnazifizierung konnte rascher als in Rheinland-Pfalz zu Ende ge 
führt und die Internierungslager früher aufgelöst werden. Die Zahl der Belasteten 
(Kategorie II) war mit rund 20 Personen deutlich geringer als in Rheinland-Pfalz 
(fünf Hauptschuldige und 440 Belastete). Neben dem erklärten Willen der Regie 
rung, die Entnazifizierung rasch zu beenden, begünstigte die immer geringer wer 
dende Kontrolle durch das Hohe Kommissariat diese Milde. Außerdem waren durch 
die Flucht zahlreicher Nationalsozialisten gegen Kriegsende und die Ausweisungs 
maßnahmen der Militärregierung in den ersten beiden Nachkriegsjahren viele NS- 
Aktivisten der saarländischen Entnazifizierung entgangen. Durch die Amnestien und 
Gnadenerlasse wurden diese Unterschiede zwischen Rheinland-Pfalz und Saarland 
Anfang der 1950er Jahre wieder weitgehend aufgehoben. 
Ein dauerhafter Elitenwechsel gelang durch die Entnazifizierung nur auf der politi 
schen Ebene. In der öffentlichen Verwaltung und der Privatwirtschaft hatte sie keine 
bleibenden personellen Auswirkungen. Der Versuch der französischen Militärregie 
rung, auch die juristischen Personen in der Privatwirtschaft zur Verantwortung zu 
ziehen, war bereits 1948 mißlungen. Widerstände auf deutscher Seite und zum Teil 
auch bei den beteiligten französischen Dienststellen behinderten ihre Durchführung. 
Die Entnazifizierung brachte damit in der französischen Zone letztlich dieselben Er 
gebnisse wie in den anderen westlichen Besatzungszonen. 
Die französische Entnazifizierung war von mehreren Spannungsfeldem gekenn 
zeichnet. Die Pariser Deutschlandpolitik beeinflußte die Politik der Militärregierung,
	        

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