Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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seinen  Mangel  an  Taktgefühl  und  dem  fehlenden  Gefühl  für  das  richtige  Mittel:  Der
Deutsche  greife  nach  dem  Größten  oder  falle  ganz  tief,  wobei  die  deutsche  Gründlichkeit ­
  diesen  Effekt  noch  verstärke.  Der  Deutsche  fühle  sich  nur  in  der  Masse
wohl:  II  ne  se  realise  jamais  tout  seul,  il  ne  peut  se  realiser  que  dans  son  groupe.
Hinzu  komme  sein  Gehorsamkeitsdrang  und  Machtkult.  Siegfried  betrachtete  daher
das  NS-Regime  als  die  typische  deutsche  Staatsform:  Apres  Weimar,  qui  ne  fut  jamais ­
  populaire  en  Allemagne,  l'hitlerisme  continue  et  exagere  les  caracteristiques  du
regime  bismarckien.  Nous  y  trouvons  la  me  me  armature  rigide  avec  en  plus  un  mysticisme
  naturiste  transpose  dans  l’Etat  totalitaire  et  qui  est  l'expression  typique  de
VAllemand.  Seine  Empfehlung  für  den  Umgang  mit  dem  besiegten  Deutschland  lautete ­
  demnach,  daß  die  Besatzungsmacht  mit  Autorität  und  Strenge  auftreten  müsse;
jede  Liberalität  würde  nur  als  Schwäche  interpretiert  werden.  Vor  allem  aber  könne
man  nicht  mit  der  Existenz  eines  "anderen  Deutschland"  rechnen:  II  nefaut  donc  pas
croire  ä  une  distinction  ent  re  lAllemagne  nazie,  condamnable,  et  une  Allemagne  qui
ne  le  serait  pas  ou  ne  le  serait  plus,  et  donc  excusable.  LAllemagne  n'a  pas  resiste
au  nazisme,  eile  ne  resistera  ä  personne  et  obeira  ä  qui  voudra  l'entrainer 28 .
In  der  französischen  Besatzungspolitik  vor  Ort  wurde  jedoch  zwischen  der  kollektiven ­
  Verantwortung  aller  Deutschen  für  die  nationalsozialistischen  Verbrechen  und
dem  Kollektivschuldvorwurf  unterschieden 29 .  Laffon  wies  auf  die  Gefahren  einer
Politik  hin,  die  von  einer  homogenen,  das  ganze  Volk  einschließenden  "nationalsozialistischen ­
  Volksgemeinschaft"  ausgehe  und  die  Existenz  antifaschistischer
Deutscher  ignoriere:  Si  l'autorite  franqaise  ne  connait  qu'une  sorte  allemands,  eile
risque  de  les  avoir  un  jour  tous  contre  eile,  si  eile  sait  distinguer  ceux  dont  eile  peut
esperer  une  collaboration  sincere  et  si  eile  frappe  sans  faiblesse  les  tenants  de
landen  regime  eile  augmente  ses  chances  de  succes  30 .
Die  Militärregierung  sah  sich  bei  der  Durchführung  ihrer  Politik  vor  das  Problem  gestellt, ­
  "echte"  Antifaschisten  von  den  selbsternannten  unterscheiden  zu  müssen.  Mit
den  demokratischen  Kräften  (les  meilleurs  des  allemands)  wollte  man  die  neuen
deutschen  Länder  aufbauen  und  sie  zugleich  vor  dem  schädlichen  Einfluß  des  Nationalsozialismus ­
  schützen.  Die  "anderen  Deutschen"  sollten  für  die  Mitarbeit  beim

28  Ebd.  Diese  an  die  angloamerikanische  Kollektivschuldthese  erinnernde  Auffassung  wurde  auch  in  Artikeln ­
  des  Bulletin  d’Information,  das  von  der  AMFA  für  die  Besatzungstruppen  herausgegeben  wurde,
vertreten.  Allerdings  erschienen  in  dieser  Zeitschrift  auch  Artikel,  die  sich  differenzierter  mit  dem  deutschen ­
  Problem  auseinandersetzten,  zum  Beispiel  im  April  1945  ein  Aufsatz  über  den  deutschen  Widerstand ­
  gegen  Hitler:  MMAA/AMFA:  "Bulletin  d'Information";  AOFAA  DGAP  c.1903  p.298.  In  der
französischen  Öffentlichkeit  war  bei  Kriegsende  das  alte  Bild  von  den  "boches"  vorherrschend.  Nur
eine  Minderheit  in  der  Bevölkerung  war  bereit,  dieses  Bild  zu  differenzieren.  Yves  Durand  weist  darauf ­
  hin,  daß  am  ehesten  noch  ehemalige  Kriegsgefangene  und  Zwangsarbeiter,  die  lange  Jahre  unter
dem  NS-Regime  in  Deutschland  hatten  leben  müssen,  zwischen  Deutschen  und  Nationalsozialisten
unterschieden;  Durand,  S.  42ff.  u.  48ff.
29  Cahiers  Fran^ais  (siehe  Einleitung,  Anm.  1),  hier  101.  Als  Beispiel  für  eine  mehr  ausgewogene  Sichtweise ­
  siehe  auch  die  Broschüre:  "Ce  que  tout  Soldat  doit  savoir  sur  l'Allemagne",  hrsg.  vom  G6n6ral
CSTO,  o.O.u.J.  (1947);  AOFAA  DGAP  c.  1906  p.316.
30  Laffon,  20.8.1945  (Anm.  4).  Auch  bei  Laffon  war  der  Erfolg  des  Nationalsozialismus  eine  direkte
Folge  des  preußischen  Einflusses  auf  die  deutsche  Geschichte  -  siehe  auch  seine  Rolle  bei  den  Ausweisungen ­
  aus  dem  Saarland  (falsche  Einschätzung  bei  Grohnert,  S.  58  u.  65).
            
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