Full text: Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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nalsozialismus den ureigensten Ausdruck des Deutsch- beziehungsweise des 
Preußentums - sie wurde unter anderem in den Ausbildungskursen der AMFA den 
künftigen Besatzungsoffizieren vermittelt. Die deutsche Mentalität (l'äme allemande) 
führe dazu, daß der einzelne in einer homogenen Masse, der deutschen "national 
sozialistischen Volksgemeinschaft", aufgehe. Die andere Ursachenanalyse, die sich 
schließlich bei der Planung und Durchführung der Entnazifizierungspolitik durch 
setzte, sah im Nationalsozialismus das Ergebnis des deutschen Sonderweges in Eu 
ropa. Eine Entwicklung, die vom Preußentum dominiert worden war, habe im NS- 
Regime ihre Vollendung gefunden. Diese Analyse ging jedoch von der Existenz ei 
nes "anderen Deutschlands" 25 aus, auf das man sich beim Versuch der Demokratisie 
rung Deutschlands stützen könne. 
Professor Vermeil, der auf dem Lehrgang der AMFA referierte, griff bei der Erklä 
rung des Charakters und Erfolges des Nationalsozialismus auf die Geschichte der 
Lutherischen Reformation und des preußischen Staates zurück. Seine These lautete: 
Hitler n'a pas tout fait. C'est un exposant du regime, un exposant populaire. 
L'hitlerisme est un phenomene total. II repond aux aspirations de l'Allemagne 26 . 
Noch deutlicher legte der Geschichtsprofessor Andre Siegfried von der Academie 
Fran^aise diese Auffassung anläßlich der Eröffnungsvorlesung eines Ausbildungs 
lehrganges der AMFA dar. Er versuchte das Problem "Deutschland" durch ein aus 
führliches Eingehen auf seine geographische Lage, die Psyche und Charakterzüge 
seiner Einwohner zu erklären. Deutschland sei ein Land, das in einem ständigen Än 
derungsprozeß und Werden begriffen sei: L'Allemagne est essentiellement le pays du 
devenir, de l'indetermination, eile est prete ä toutes les eventualites, eile est ouverte 
et disponible ä celui qui veut et qui peut la prendre ... Un jour c'est Bismarck, un 
autre jour Guillaume II, puis Hitler 27 . 
Den Schwerpunkt seines Vortrages legte Siegfried auf die Erklärung "des Deut 
schen": Le caractere allemand est indetermine, inacheve; l'etat de devenir est son 
etat normal, etat incertain et mouvant. Der Deutsche zeichne sich dadurch aus, daß 
er unfähig sei, sich auszudrücken. Ein Ausdruck seiner inneren Unruhe sei die deut 
sche Musik (1/ a une vie interieure confuse, mais serieuse). Er leide unter seinem 
Mangel an Persönlichkeit, was ihn für starke Führerpersönlichkeiten anfällig mache, 
und ersetze diesen Mangel durch seinen starken Willen. Dabei wären die deutschen 
Eigenschaften Fleiß und Tüchtigkeit ein Segen für die Menschheit, wenn sie in die 
richtige Richtung gelenkt werden könnten. Eine andere Schwierigkeit entstehe durch 
25 Das "Andere Deutschland" im Zweiten Weltkrieg. Emigration und Widerstand in internationaler Per- 
spektive/hrsg. von Lothar Kettenacker. Stuttgart 1977; siehe auch: Hassell, Ulrich von: Die Hassell- 
Tagebücher 1938-1944: Aufzeichnungen vom Andern Deutschland/nach d. Handschrift rev. u. erw. 
Ausg./hrsg. von Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen. Berlin 1988 (Erstausgabe 1946). Zur Frage 
"One or Two Germanys" in der angelsächsischen Debatte über die deutsche Kollektivschuld: Ketten 
acker, Lothar: Krieg zur Friedenssicherung. Die Deutschlandplanung der britischen Regierung während 
des Zweiten Weltkrieges. Göttingen 1989, S. 363ff.; Niethammer, Entnazifizierung, S. 34ff.; Schwarz 
S. 92ff. 
26 AMFA: "Le Regime National-Socialiste": Vorträge von Professor Vermeil, Sorbonne; AOFAA DG AP 
c. 1676 p.80 d.125. 
27 AMFA: "Conference d'ouverture du stage de l'AMFA": Vortrag von Professor Andre Siegfried; ebd.
	        
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