20
Anschluß an diese Reise den Ländergouvemeuren: Statt einer starren und harten Politik
gegenüber dem deutschen Volk habe de Gaulle viel Verständnis und Wohlwollen
für die Besiegten geäußert. Die französische Politik dürfe nicht bei der Frage der
Reparationen und der Wiedergutmachung stehen bleiben: Nos interets militaires,
materiels et moraux etant sauvegardes, eile devra devenir une politique d'humanite 9 .
Laffon erinnerte seine Offiziere an die große französische Tradition und forderte sie
auf, eine effektive Besatzungspolitik durchzuführen. Frankreich sei nicht nur in
Deutschland, um ein besiegtes Land besetzt zu halten. Die erste Sorge gelte zwar
dem französischen Interesse, aber ebenso müsse Deutschland wiederaufgebaut werden.
Genauso wie die anderen Siegermächte werde Frankreich dabei versuchen,
seine Besatzungszone langfristig entsprechend den eigenen Vorstellungen zu verändern:
Les Rhenans, les Badois, et les Allemands en general attendent des exemples et
une foi nouvelle ... La Republique Frangaise doit aussi leur apparaitre comme un exemple,
comme une democratie moderne organisee, forte et genereuse, capable d'etre
demain un pole d'attraction pour les peubles voisins l0 .
2.2. Die Bestandsaufnahme der französischen Zone:
der Zwang zu einer alliierten Politik
Der Zustand Nachkriegsdeutschlands stellte sich für die Planer im Pariser Außenministerium
anders dar als nach dem 1. Weltkrieg: Die deutsche Wehrmacht war in der
Auflösung begriffen, politische Parteien seit 1933 nicht mehr existent und die deutsche
Verwaltung so erfolgreich durch den Nationalsozialismus unterwandert worden,
daß nach der Entlassung aller Parteimitglieder der gesamte Verwaltungsapparat zusammenbrechen
mußte. Die Alliierten müßten daher zuerst die gesamte Regierungsgewalt
in Deutschland ausüben, bevor eine neu von unten nach oben aufgebaute
deutsche Verwaltung allmählich wieder Verantwortung übernehmen könne 11 .
Das Comite Interministeriel unternahm in seiner Juli-Direktive eine kritische Bestandsaufnahme
der französischen Besatzungszone. Durch die willkürliche Grenzziehung
der einzelnen Länder waren die bisherigen Verwaltungs- und die bestehenden
Infrastrukturen zerschnitten worden 12 . Teilweise besaß Frankreich Regionen, die
es nicht auf Dauer besetzen wollte (Württemberg-Hohenzollem), teilweise wurden
ihm für die Geschlossenheit der Zone notwendige Regionen nicht zugesprochen
(Nordbaden). Die bisherige Situation war durch Improvisation und eine sehr unterschiedliche
Vorgehens weise in den einzelnen Regionen gekennzeichnet. In Erwartung
einer Revision der Zonengrenzen wurden daher im Juli 1945 nur fragmentari-9
Ebd.
10 Laffon, 20.8.1945 (Anm. 4).
11 Dejean, 21.8.1944 (Anm. 7).
12 Die Rheinbrücke Maxau bei Karlsruhe stellte die einzige Verbindung zwischen dem Südteil
(Württemberg-Hohenzollem, Baden) und dem Nordteil der französischen Besatzungszone (Hessen-Pfalz,
Rheinland-Hessen-Nassau und Saarland) dar, wollte man nicht über Frankreich reisen. Zu den
Schwierigkeiten der Pariser Regierung, sich mit ihrer Besatzungszone anzufreunden: Hudemann, Besatzungsmächte,
S. 2f.; Wolfrum, Französische Besatzungspolitik, S. 29ff.