Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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anfängliche  Gefahr  jetzt  nicht  mehr  in  dem  Umfange  wie  vor  eineinhalb  Jahren  bestehe ­
 26 .
Der  Einfluß  des  MRS  ist  in  der  zeitgenössischen  Meinung  und  der  historischen  Literatur ­
  maßlos  überschätzt  worden.  Neuere  Forschungen  haben  gezeigt,  daß  die  Ziele
des  MRS  nicht  mit  denen  der  französischen  Militärregierung  identisch  waren.
Frankreich  verfolgte  eine  wirtschaftliche,  aber  keine  politische  "Annexionspolitik"
an  der  Saar 27 .  Die  politischen  Parteien  gingen  sehr  rasch,  einzelne  Persönlichkeiten  -
zum  Beispiel  Emil  Straus  und  Edgar  Hector  -  ausgenommen,  auf  Distanz  zum  MRS.
Es  hatte  von  Anfang  an  nicht  den  Einfluß  im  Saarland  ausgeübt,  den  seine  politischen ­
  Gegner  (und  auch  seine  Mitglieder)  vermutet  hatten.  Die  Militärregierung
hatte  frühzeitig  in  den  Parteien  die  wahren  Repräsentanten  des  saarländischen  Volkes
erkannt.  Sie  schätzte  die  Popularität  des  MRS  realistisch  ein:  Son  succesfut  limite  ...
Cette  froideur  de  la  population  sarroise  et  l'attitude  quelque  peu  ambigue  de  MM.
WALTZ  et  SENDER,  inciterent  le  Gouvernement  militaire  ä  observer  une  certaine
reserve  ä  l’egard  de  cette  association  28 .  Mit  der  offiziellen  Verkündigung  der  wirtschaftlichen ­
  Angliederung  des  Saarlandes  an  Frankreich  Mitte  1947  sank  das  MRS  in
die  völlige  Bedeutungslosigkeit  herab.
Ein  Einfluß  des  MRS  auf  die  Entnazifizierung  läßt  sich  höchstens  für  die  ersten  Wochen ­
  der  französischen  Besatzung  vermuten:  Analog  zum  Vorgehen  der  amerikanischen ­
  Streitkräfte,  die  sich  oft  von  katholischen  Geistlichen  Personen  für  deutsche
Verwaltungsposten  hatten  vorschlagen  lassen,  dürften  französische  Offiziere  anfangs
den  Rat  bekannter  frankophiler  Persönlichkeiten  eingeholt  haben.  Das  Mißtrauen  der
Parteienvertreter  im  CSE  gegenüber  der  Zusammensetzung  der  frühen  Epurationsorgane
  läßt  sich  in  dieser  Richtung  deuten.  Im  späteren  Spruchkammerverfahren  wurden ­
  jedoch  nur  sehr  vereinzelt  Leumundszeugnisse  des  MRS  vorgelegt 29 .  Das  Denunziantentum, ­
  das  vor  allem  den  Mitgliedern  des  MRS  vorgeworfen  wurde,  bildete
ein  Phänomen,  das  alle  gesellschaftlichen  und  politischen  Gruppen  erfaßte 30 .
3.2.  Die  Rechtsanordnung  zur  Befreiung  vom  Nationalsozialismus
und  Militarismus  vom  15.  April  1947
Der  saarländische  Gesetzesentwurf
Anfang  Januar  1947  überreichte  die  Militärregierung  in  Saarbrücken  der  Verwaltungskommission ­
  den  Entwurf  zu  einem  Entnazifizierungsgesetz.  Dieser  Entwurf

26  "Neue  Saar"  Nr.  25/47  (20.6.1947).
27  Hudemann,  Konflikt,  S.  98ff.;  Ders.,  Die  Saar,  S.  23ff.  Eine  andere  Position  vertritt  Heinrich  Küppers:
Wollte  Frankreich  das  Saarland  annektieren?,  in:  JWLG  9  (1983),  S.  345-356.
28  So  auch  die  Auskunft  des  damaligen  Kreisdelegierten  von  St.  Wendel,  Pierre  Tersac,  am  16.  Juni  1990
in  Saarbrücken.  CCFA/CC/DAC/INT:  Koenig  an  das  CGAAA,  24.5.1946;  AOFAA  SEAAA  c.60  V
16/1.  Max  Waltz  und  Walter  Sender  waren  im  März  1945  Gründungsmitglieder  des  MRS,  das  sich  damals ­
  noch  MLS  ("Mouvement  pour  la  Liberation  de  la  Sarre")  nannte;  die  Umbenennung  in  MRS  erfolgte ­
  erst  am  24.  Februar  1946.
29  Dies  ergab  die  Durchsicht  von  Spruchkammerakten  im  Landesarchiv  Saarbrücken.
30  Ich  danke  Herrn  Tersac  für  seine  anschaulichen  Schilderungen  zu  diesem  Thema  (Anm.  28).
            
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