Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

254

3.  Das  saarländische  Entnazifizierungsgesetz
3.1.  Die  Haltung  der  politischen  Parteien
Im  Gegensatz  zu  Rheinland-Pfalz  gab  es  Anfang  1947  im  Saarland  kein  parlamentarisches ­
  Landesgremium,  in  dem  sich  die  Parteien  artikulieren  konnten.  Die  Gesetzesarbeiten ­
  zur  Umsetzung  der  Kontrollratsdirektive  Nr.  38  liefen,  ohne  offizielle  Beteiligung ­
  der  Parteien,  in  der  Verwaltungskommission  ab.  Eine  Einflußnahme  der
Parteien  ist  aufgrund  des  fehlenden  Quellenmaterials  nicht  genau  zu  rekonstruieren.
Die  Parteiführer  hatten  sich  aber  seit  Oktober  1945  auf  öffentlichen  Veranstaltungen
und  in  Zeitungsartikeln  zur  Frage  des  Nationalsozialismus  und  der  Entnazifizierung
geäußert 1 .

Die  CVP
Der  spätere  Ministerpräsident  Johannes  Hoffmann  benutzte  am  27.  Oktober  1945  die
erste  demokratische  Kundgebung  im  Saarland  nach  Kriegsende  dazu,  an  die  Öffentlichkeit ­
  zu  appellieren,  die  Entnazifizierung  nicht  zur  Befriedigung  persönlicher  Rachegelüste ­
  zu  mißbrauchen.  Er  warnte  vor  dem  armseligen  Denunziantentum:  Verfallen ­
  wir  doch  nicht  in  die  Sünde  der  Nazis!  Wir  wollen  es  doch  besser  machen  und
dürfen  deshalb  nicht  neues  Unrecht  an  die  Stelle  des  alten  setzen!.  Die  bei  der  Reinigungsaktion ­
  beteiligten  Personen  forderte  er  auf,  den  Geist  der  Menschenliebe  im
allgemeinen  und  der  Christenliebe  im  besonderen  zu  beachten.  Die  Gebote  der
Wahrheit  und  der  Gerechtigkeit  müßten  wieder  zu  ihrem  Recht  kommen 2 .  Hoffmann
verlangte  die  Entfernung  der  NS-Aktivisten  aus  führenden  Positionen.  Alle  Spuren
und  Überreste  des  Nationalsozialismus  müßten  beseitigt,  dem  Volk  jedoch  zugleich
ein  neuer  Glauben  und  Zuversicht  in  die  Zukunft  vermittelt  werden.  Für  den  Wiederaufbau ­
  sei  Ruhe  und  Stabilität  notwendig.  Er  wandte  sich  gegen  ein  schematisches
Vorgehen  und  setzte  sich  für  die  individuelle  Prüfung  der  Betroffenen  ein.  Um  die
Säuberung  möglichst  schnell  abschließen  zu  können,  wollte  er  die  Verführten-Fälle
von  der  Entnazifizierung  ausnehmen 3 .
Seit  September  1946  erhob  die  CVP  konkrete  Forderungen  zur  Reform  des  Entnazifizierungsverfahrens: ­

-  eine  klare  Rechtsgrundlage  und  die  individuelle  Prüfung  des  Einzelfalles;

1  Zu  den  Parteien  siehe  die  entsprechenden  Artikel  im  Handbuch:  Die  Parteien  der  Bundesrepublik
Deutschland  1945-1980/hrsg.  von  Richard  Stöss.  Opladen  1986,  u.  bei  Schmidt;  Becker,  Winfried:  Die
Entwicklung  der  politischen  Parteien  im  Saarland  1945  bis  1955  nach  französischen  Quellen,  in:  Die
Saar  1945-1955,  S.253-296.
2  Erste  demokratische  Kundgebung  in  Saarbrücken,  27.10.1945;  "Saarbrücker  Zeitung”  (SZ)  Nr.  19/45
(31.10.1945),  S.  2f.  Zu  Hoffmann:  Becker,  Winfried:  Johannes  Hoffmann  und  die  frühe  Programmatik
der  CVP.  Zum  Beginn  christlicher  Parteibildung  im  Saarland  nach  1945,  in:  Revue  d'Allemagne  18
(1986),  S.  25—45;  Johannes  Hoffmann  -  Ein  Lebert/hrsg.  von  Brigitte  Steinle.  Saarbrücken  1990.
3  Zeitungsartikel  Hoffmanns  in:  SZ  Nr,  22/45  (10.11.1945),  S.  1.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.