Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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wurde  der  Regierungsvizepräsident  von  Würzburg,  Anton  Rick,  zum  Präsidialdirektor ­
  des  Innern  ernannt 30 .
Auch  an  der  Spitze  der  Entnazifizierungsorgane  gab  es  einen  personellen  Wechsel:
Zum  Vorsitzenden  der  Bereinigungskommission  Koblenz  wurde  der  Präsidialdirektor ­
  für  Arbeit  und  Gesundheit,  Johann  Dötsch,  ernannt.  Dötsch  war  gelernter  Maurer
und  hatte  seit  1927  zuerst  als  hauptamtlicher  Sekretär,  später  dann  als  Vorsitzender
der  SPD  in  Koblenz  gearbeitet.  1933  verbrachte  er  einige  Wochen  in  Schutzhaft  und
war  danach  gewerblich  tätig,  bis  er  am  1.  September  1939  erneut  verhaftet  wurde
und  bis  Kriegsende  im  KZ  Sachsenhausen  inhaftiert  war.  Gesundheitlich  angeschlagen, ­
  starb  er  bereits  am  2.  Oktober  1946 31 .  Erst  im  Februar  1946  begannen  die  Untersuchungsausschüsse ­
  mit  ihrer  Arbeit 32 .  Der  Untersuchungsausschuß  in  St.  Goarshausen ­
  kam  am  6.  Februar  zu  seiner  konstituierenden  Sitzung  zusammen.  Nach  der
eindrucksvollen  Ansprache  des  Landrates  -  so  das  Protokoll  der  1.  Sitzung 33  -
machte  ein  Mitglied  den  Vorschlag,  ein  bei  der  Reichsbahn  angewandtes  Punktesystem ­
  auch  hier  zu  benutzen.  Je  nach  formaler  Belastung  sollte  der  Betroffene  zurückversetzt ­
  oder  entlassen  werden 34 .  Dötsch  reagierte  verärgert  auf  diesen  Vorschlag.  Er
wies  den  Landrat  darauf  hin,  daß  für  die  Beurteilung  eines  Betroffenen  nicht  die
Vielfalt  seiner  NS-Mitgliedschaften,  sondern  der  Grad  seiner  Aktivität  für  das  NS-Regime
  entscheidend  sei.  Demzufolge  müsse  ein  einfacher  Pg,  der  aber  zugleich
Aktivist  oder  SD-Mann  gewesen  war,  aus  dem  Dienst  entlassen  werden,  während  ein
Mitglied  zahlreicher  NS-Organisationen,  das  sich  aber  stets  passiv  verhalten  hatte,
mit  einer  entsprechenden  Gehaltsminderung  im  Amt  belassen  werden  könne.  Nach
diesen  Grundsätzen  arbeite  die  Bereinigungskommission  und  entscheide  fast  stets
einstimmig 35 .

30  Hierzu:  ebd.;  CCFA/DGAA/INT/l.Sect.:  Laffon  an  Hettier  de  Boislambert,  1.2.1946;  GMRH/CAB
1766:  Hettier  de  Boislambert  an  Boden,  12.4,1946;  AOFAA  LAFFON  c.13  u.  LHA  KO  860/1005/429.
Zur  Person  Globkes;  Kleßmann,  S.  253.
31  Die  Militärregierung  sah  Dötsch  als  Antifaschisten  an,  der  außerdem  durch  seine  Persönlichkeit  das
konservative  Übergewicht  im  Oberpräsidium  verringern  könne:  Les  six  annees  que  M.  DÖTSCH  a  passees
  au  camp  de  concentration  garantissent  sa  ligne  de  conduite  future.  II  est  evident  que  M.  DÖTSCH
travaille  dans  un  esprit  anti-nazi  indiscutable  ...  Sa  presence  ä  TOberpräsidium  contrebalancera  heureusement ­
  la  tendance  trop  democrate-chretienne;  ebd.
32  Im  Kreis  Zell  genehmigte  der  Kreisdelegierte  am  7.  Januar  1946  den  Personal  Vorschlag  des  Landrates.
Im  Kreis  St.  Goarshausen  wurden  zu  diesem  Zeitpunkt  erst  die  Personalvorschläge  bei  der  Militärregierung ­
  eingereicht;  AOFAA  RP  c.976  p.  15  u.  LHA  KO  502/861.  Siehe  auch;  Bericht  Lange  (Anm.  21).
33  Es  gehört  zu  den  Quellenproblemen  der  Arbeit,  daß  dieses  Protokoll  eine  absolute  Ausnahme  in  der
Überlieferung  darstellt.  Es  sind  sonst  keinerlei  schriftliche  Unterlagen  über  die  konkrete  Arbeitsweise
der  Organe  in  den  Archiven  vorhanden.
34  Folgende  Bewertungsmaßstäbe  sollten  angewandt  werden:  Pg  nach  dem  l.Mai  1937:  2  Punkte;  Pg
nach  dem  1.  Mai  1933:  3;  SS,  SA,  NSKK,  NSFK  nach  dem  1.  April  1933:  2;  Ehefrau  Mitglied  in  der
NSF:  1;  Austritt  aus  der  Kirche  als  NSDAP-Mitglied:  1;  Amt  in  einer  Gliederung:  1  Punkt;  Kreis
St.  Goarshausen:  Niederschrift  über  die  1.  Sitzung  des  Untersuchungsausschusses,  6.2.1946;  LHA  KO
502/861  u.  862.
35  Dötsch  an  den  Landrat  von  St.  Goarshausen,  22.2.1946;  LHA  KO  502/861.  Auch  Becker  betonte  auf
einer  SPD-Veranstaltung  Anfang  Mai  1946,  daß  90%  der  bisherigen  Entscheidungen  einstimmig  getroffen ­
  worden  seien;  "Rheinischer  Merkur",  7.5.1946;  LHA  KO  713/54.
            
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