Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

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Frühe  Kritik  an  der  Arbeit  der  Entnazifizierungsorgane

Bereits  wenige  Wochen  nach  Arbeitsbeginn  der  neuen  Organe  kam  es  zum  Eklat:
Die  Vertreter  der  katholischen  Kirche  und  einige  Christdemokraten  lehnten  eine
weitere  Mitarbeit  ab 65 .  Die  Aufforderung  Hartmanns  an  den  Prälaten  Haas,  die  Arbeit
in  den  ZSK  wiederaufzunehmen,  wurde  mit  dem  Hinweis  auf  schwere  Gewissensgründe ­
  zurückgewiesen 66 .  Die  Bekanntgabe  der  ersten  ZSK-Bescheide  habe  in  der
Öffentlichkeit  große  Enttäuschung  und  bei  den  meisten  Betroffenen  tiefe  Verbitterung ­
  ausgelöst.  Es  sei  der  Eindruck  entstanden,  daß  in  vielen  Fällen  nicht  eine  objektive ­
  Gerechtigkeit  das  Urteil  gesprochen,  sondern  eine  nur  oberflächliche  Betrachtungsweise, ­
  ja  geradezu  Willkür,  Entscheidungen  von  weittragendster  Bedeutung ­
  getroffen  zu  haben  scheint 67 .  Bischof  Wendel  nannte  gegenüber  Koch  vor  allem
zwei  Kritikpunkte:  a)  Die  ZSK  entschieden  nur  aufgrund  der  Angaben  im  politischen
Fragebogen  und  würden  die  Sanktionsvorschläge  der  Untersuchungsausschüsse  oft
leichtfertig  übergehen,  obwohl  deren  Urteil  auf  große  Sach-  und  Personalkenntnis
beruhe;  b)  die  angestrebte  Einheitlichkeit  der  Entscheidungen  sei  durch  die  Aufteilung ­
  der  ZSK  in  16  Unterkommissionen  unmöglich  gemacht  worden.  Intern  wurde
ein  weiterer  Grund  für  die  Unzufriedenheit  genannt:  Die  Katholiken  fühlten  sich  in
den  ZSK  in  der  Minderheit.  Anfangs  war  es  ihnen  noch  gelungen,  so  der  Bericht  des
katholischen  Lehrers  und  ZSK-Mitglieds  A.,  durch  entschiedenes  und  gewandtes
Führen  der  Besprechungen  einfache  Arbeiter  aus  den  Reihen  der  Linken  zu  einigermaßen ­
  vernünftigen  Urteilen  zu  bewegen 6 *.  Der  große  Arbeitsaufwand  habe  aber
dazu  geführt,  daß  Freiberufler  und  Pfarrer  nicht  mehr  auf  jeder  Sitzung  hätten  erscheinen ­
  können  und  die  in  Neustadt  und  Umgebung  wohnenden  Mitglieder  bald  die
Verhandlungen  beherrschten:  Es  waren  dies  meist  linksgerichtete  Elemente 69 .  Gegen
die  Führer  der  SPD  und  KPD  wurden  scharfe  Vorwürfe  erhoben:  Selbst  ihrer  Intelligenz ­
  beraubt,  die  —  wie  sich  hier  zeigte  -  restlos  ins  Hitlerlager  abgewandert  war,
suchte  man  unter  Überschreitung  der  Vorschriften  der  Besatzungsmächte  selbst
denen  unserer  Beamten  eins  anzuhängen,  die  trotz  all  der  Leiden,  die  für  sie  und  ihre
Familien  daraus  folgten,  nicht  in  die  NSDAP  eingetreten  waren.  Gerade  die  von  den
Nazis  gehaßten  "Schwarzen"  waren  ja  während  der  12  Jahre  Hitlerherrschaft  gezwungen ­
  worden,  irgendeine  Arbeit  in  einem  der  angeschlossenen  Verbände  zu  tun,
wollten  sie  nicht  als  Staatsfeinde  das  letzte  Stückchen  Brot,  das  man  ihnen  gelassen,

65  Hierzu:  Bericht  des  Pfarrers  Walzer  an  Bischof  Wendel,  1.3.1946;  ORP/ZSK:  Vermerk,  23.5.1946;
BSTA  SP  12/4a  u.  LA  SP  V  52/219.
66  Hartmann  hatte  im  März  1946  Prälat  Haas  ultimativ  aufgefordert,  seine  Tätigkeit  wieder  aufzunehmen,
andernfalls  würde  er  die  Militärregierung  informieren.  Prälat  Haas  protestierte  bei  Koch  über  diese  mit
Drohungen  arbeitende  Sprache,  wie  sie  wohl  in  der  Zeit  der  Nazis  üblich  war,  ORP/i.V.  Hartmann  an
Prälat  Haas,  12.3.1946;  Haas  an  Koch,  18.3.1946;  BSTA  SP  12/4a.
67  BO  Speyer:  Wendel  an  Eichenlaub,  18.3.1946.  Bereits  am  31.  Januar  1946  hatten  die  ehemaligen  ZSK-Mitglieder
  Prälat  Haas  und  Studienrat  Ludwig  Stahmer  diese  Kritikpunkte  angeführt  und  die  Einrichtung ­
  einer  Einspruchsinstanz  gefordert;  BSTA  SP  12/4a.
68  Bericht  des  Lehrers  A„  Februar  1946;  BSTA  SP  12/4a.
69  Walzer,  1.3.1946  (Anm.  65).
            
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