Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

134

gebiet  tätig  gewesen.  Seine  Frankfurter  Dissertation  aus  dem  Jahr  1934  hatte  Die  gesellschaftliche ­
  Gliederung  des  Saargebietes.  Eine  soziographische  Beschreibung
zum  Thema  gehabt.  Er  hatte  darin  vehement  die  These  von  der  Notwendigkeit  der
Rückkehr  der  Saar  an  Deutschland  vertreten.  Als  Jude  1935  zur  Emigration  gezwungen ­
  -  er  konvertierte  in  Frankreich  zum  Katholizismus  hatte  Straus  in  Nizza  gelebt
und  war  dort  als  Deutschlehrer  tätig  gewesen.  Seine  Einbürgerungsanträge  waren
längere  Zeit  ohne  Erfolg  geblieben  -  er  erhielt  die  französische  Staatsbürgerschaft
erst  1947.  Ab  1943  leistete  er  der  Resistance  tatkräftige  Unterstützung  im  Kampf  gegen ­
  die  deutsche  Besatzung.  Nach  der  Befreiung  kehrte  er  nach  Nizza  zurück.  Dort
erreichte  ihn  der  Ruf  der  Militärregierung.  Als  CVP-Mitglied  war  er  bis  1951  für  das
saarländische  Erziehungswesen  zuständig 115 .
Alle  zuerst  entlassenen  und  dann  im  Säuberungsverfahren  für  tragbar  erklärten  Lehrer ­
  wurden  nur  im  Angestelltenverhältnis  in  den  Schuldienst  übernommen;  sie
konnten  jederzeit  wieder  entlassen  werden.  Die  Militärregierung  legte  großen  Wert
darauf,  daß  den  Betroffenen  ihre  rechtliche  Stellung  bewußt  war 116 .  Anfang  Februar
1947  wurden  diese  Bestimmungen  dahingehend  gelockert,  daß  gering  belastete  Nationalsozialisten ­
  (zum  Beispiel  Parteianwärter,  nominelle  Mitglieder  der  NSV,  des
NSLB)  wieder  in  den  Genuß  der  Beamtenrechte  kommen  konnten 117 .  Mit  den  ersten
Epurationsbescheiden  wurde  der  Protest  der  Betroffenen  und  ihrer  Fürsprecher  laut.
Kirchenrat  Otto  Wehr  beschwerte  sich  bei  Müller  über  die  Entlassung  von  Lehrern,
die  seit  Kriegsende  Unterricht  erteilt  hatten.  Der  seit  längerem  erschütterte  Glauben
in  die  Gerechtigkeit  der  Entnazifizierung  sei  nun  vollkommen  zunichte  gemacht
worden.  Ministerpräsident  Hoffmann  forderte  in  seiner  ersten  Regierungserklärung
im  Dezember  1947  eine  großzügige  Amnestie  für  die  Lehrer  -  auch  der  KP-Abgeordnete ­
  Hoppe  schloß  sich  dem  an 118 .

sein,  entkräftigte  Jung  mit  dem  Hinweis,  daß  er  nur  einen  einzigen  Vortrag  gehalten  habe  und  bereits
1934  wieder  ausgetreten  sei;  Rechtfertigungsschrift  Jungs:  LA  SB  RP  65/18-24.  Zur  Geschichte  der
Universität  Saarbrücken:  Heinen,  Armin:  Sachzwänge,  politisches  Kalkül,  konkurrierende  Bildungskonstruktionen. ­
  Die  Geschichte  der  Universität  des  Saarlandes  1945-1955,  in:  Universität  des  Saarlandes ­
  1948-1988/hrsg.  von  Armin  Heinen  und  Rainer  Hudemann.  Saarbrücken 2  1989,  S.  21-62;  Hudemann, ­
  Rainer:  Wiederaufbau  und  Interessenpolitik.  Zu  den  politischen  Rahmenbedingungen  der  Gründung ­
  der  Universität  des  Saarlandes,  in:  ebd.,  S.  7-20.
115  Koenig,  31.10.1946;  CVP-Dossier;  Dossier,  1954  (Anm.  42).  Grandval  hatte  ein  großes  Interesse  an
der  Mitarbeit  von  Straus  im  Regierungspräsidium.  Er  hatte  ihm  zuerst,  da  die  Kultusabteilung  bereits
besetzt  war,  die  Stelle  als  Direktor  der  Wirtschaftsabteilung  angeboten.  Zur  Person  von  Straus:  Küppers, ­
  Heinrich:  Emil  Straus,  Ministre  des  Affaires  Culturelles  de  la  Sarre  1947-1951,  in:  Revue
d'histoire  diplomatique  101  (1987),  S.  61-77.
116  GMSA/DAA/EDU  5668:  Grandval  an  Neureuter,  22.7.1946;  GMSA/DAA/IC  9812:  Grandval  an
Müller,  28.12.1946;  LA  SB  VK  45/50f.
117  GMSA/DAA/EDU  155:  Grandval  an  Müller,  6.2.1947;  LA  SB  VK  45/49.
118  Kirchenrat  Wehr  an  Müller,  18.9.1947;  LA  SB  SK  1590;  Ltag  Saar  l.WP  Drs.  1,9:  Sitzungsbericht,
20.12.1947,  S.  6  u.  16.
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.