Full text : Entnazifizierung in Rheinland-Pfalz und im Saarland unter französischer Besatzung von 1945 bis 1952

126

nazifizierung  hätte  einen  Neufaschismus  zur  Folge.  Der  bereits  jetzt  zu  verzeichnende ­
  Drang  ehemaliger  Nationalsozialisten  -  mit  neuem,  schwarzem  Parteibuch  -
in  den  öffentlichen  Dienst  lasse  erahnen,  wie  ein  Entnazifizierungsausschuß  nach  den
Wünschen  der  mit  Pgs  und  Militaristen  leider  stark  durchtränkten  CVP  aussehen
würde.  Man  könne  nicht  die  80%  der  Saarbevölkerung,  die  zum  Nationalsozialismus
gestanden  hatten,  über  die  Entnazifizierung  entscheiden  lassen.  Der  Artikelschreiber
warnte  vor  einer  allzu  unmittelbaren  Nähe,  die  die  Daheimgebliebenen  mit  den  Nationalsozialisten ­
  gehabt  haben  könnten:  Solche  "zuverlässigen  Zeugen"  scheinen  uns
nicht  so  unbedingt  zuverlässig.  Der  Artikel  schloß  mit  einem  leidenschaftlichen  Appell: ­
  Im  übrigen  aber  wollen  wir  keine  Rache  an  denen  nehmen,  die  uns  vertrieben,
geschunden  und  geschlagen  haben  ...  Aber  als  Demokraten  haben  wir  im  politischen
Leben  auch  eine  Pflicht  und  Verantwortung:  ...  darüber  zu  wachen,  daß  eine  neue
Naziherrschaft  nicht  aufkommt  64 .
Eine  Neubesetzung  der  Epurationsorgane  im  Sinne  der  CVP  fand  vorerst  nicht  statt 65 .
Die  CVP  wies  deshalb  im  Februar  1947  öffentlich  daraufhin,  daß  die  "sozialistische
Mehrheit"  im  CSE  und  nicht  der  den  Epurationsbescheid  unterschreibende  Vorsitzende ­
  der  Verwaltungskommission,  CVP-Mitglied  Müller,  die  Verantwortung  für  die
Entscheidung  trage 66 .

Die  Durchführung  der  Entnazifizierung
Die  Durchführung  der  Sanktionen  fiel  in  die  Zuständigkeit  der  saarländischen  Behörden. ­
  Entlassene  Nationalsozialisten  wurden  auf  Weisung  der  Militärregierung  von
der  Landeskriminalpolizei  auf  eine  weitere  politische  Tätigkeit  hin  überwacht 67 .  Erst
im  November  1946  wurde  die  automatische  Meldung  der  Entlassenen  an  die  Kripo
von  der  Verwaltungskommission  abgeschafft 68 .  Grandval  betonte  in  einem  Rundfunkinterview ­
  zum  Jahresanfang  1946,  daß  die  Arbeitskraft  der  durch  die  Entnazifizierung ­
  entlassenen  Nationalsozialisten  genutzt  werden  müsse.  Ein  Arbeitszwang  für
alle  Männer  zwischen  15  und  60  und  alle  Frauen  zwischen  16  und  35  Jahren  sei  deswegen ­
  eingeführt  worden 69 .  Zwei  Monate  später  reichte  Grandval  eine  entsprechende

64  "Volksstimme"  Nr.  28/46  (7.12.1946),  S.  3.
65  Die  Verwaltungskommission  führte  aber  im  Dezember  1946  eine  politische  Überprüfung  sämtlicher
Mitglieder  der  Organe  durch;  VK/Epuration:  Müller,  14.12.1946;  LA  SB  LRA  St.  Ingbert  32.
66  Artikel  von  Johannes  Hoffmann  in:  SVZ  Nr.  6/47  (8.2.1947),  S.  1.  Müller  ermahnte  später  in  einem
persönlichem  Schreiben  Hoffmann,  mit  der  Kritik  an  der  Entnazifizierung  Maß  zu  halten,  um  eine  zu
starke  Diskrepanz  zwischen  Parteiäußerungen  und  der  Politik  der  Verwaltungskommission  zu  vermeiden; ­
  Müller,  28.6.1947;  LA  SB  VK  71.
67  GMSA/DAA/IC-EPU  10:  Grandval  an  Neureuter,  5.3.1946;  Landeskriminalpolizei  an  Landrat  Grieser,
18.3.1946;  Neureuter,  22.8.1946;  LA  SB  OSR  73,  LRA  St.  Ingbert  32  u.  Min/Justiz  17/13.
68  VK/Epuration:  Müller,  21.11.1946;  LA  SB  Min/Justiz  17/17  u.  SRI  Nr.  1-3/46,  S.  7.
69  Grandval  erklärte  weiter:  Die  ehemaligen  Nationalsozialisten  könnten  bei  Aufräumungsarbeiten  über
die  Aussage  Hitlers  nachdenken:  Gebt  mir  zehn  Jahre  Zeit  und  Ihr  werdet  Deutschland  nicht  wiedererkennen; ­
  Interview,  5.1.1946;  AP  GG  d.7-U.  Anfang  1947  wurde  von  der  Verwaltungskommission  die
Frage  gestellt,  inwieweit  man  Personen,  die  sich  freiwillig  an  Entminungsarbeiten  beteiligt  hatten,  eine
Sanktionsmilderung  zukommen  lassen  könne.  Die  Richtlinien  wurden  Anfang  Mai  1947  auf  einer  gemeinsamen ­
  Sitzung  mit  der  Militärregierung  festgelegt:  Jede  politisch  belastete  Person,  die  kein  Haupt ­
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.