Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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vationen zusammen: Der finanziellen und ökonomischen Argumentation stand die 
soziale Motivation gegenüber, den Versehrten einen Lebensinhalt zu geben, ihnen 
das Gefühl der Wertlosigkeit zu nehmen und sie durch den wirtschaftlichen Einsatz 
zu auch subjektiv vollgültigen Mitgliedern der Gesellschaft zu machen. Diese 
Grundlinie der deutschen Kriegsopferpolitik, wie Michael Geyer sie in internationa 
lem Vergleich für die Weimarer Republik betonte, 9 wurde 1950 wieder in verstärktem 
Maße aufgenommen, und auch hierin schloß die Bundesrepublik stärker an die 
Entwicklung im Südwesten als in der Bizone an. Vor diesem Hintergrund waren 
auch die niedrigen Rentensätze konzeptionell zu verteidigen, weil auf diese Weise 
der Ansporn zu eigener Arbeit stieg. 
Durch alle Nachkriegsjahre hindurch ist in dem vielfältigen Schrifttum der Kriegs 
opfer das Gefühl zu verfolgen, von der Umwelt persönlich für den Krieg und seine 
verheerenden Folgen verantwortlich gemacht zu werden. Das gute Verhältnis zwi 
schen deutschen Kriegsopfern und Teilen der französischen Militärregierung beruh 
te unter anderem darauf, daß viele Franzosen eine solche Identifizierung von Kriegs 
opfern und „Militaristen“, in deutlichem Gegensatz zu Teilen der deutschen Bevöl 
kerung, bewußt und demonstrativ nicht Vornahmen. 1949/50 war damit bei den 
Kriegsopfern vielfach schon eine Ausgangsstimmung des ungerecht für andere Bü 
ßenden geschaffen. Während die meisten Kriegsopfer der britischen und amerikani 
schen Zone jedoch mit dem Bundesversorgungsgesetz eine Verbesserung ihrer mate 
riellen Situation konstatieren konnten, waren in der französischen Zone so 
große Gruppen der Kriegsopfer von deutlichen Verschlechterungen betroffen, daß 
die allgemeine Reaktion Wut und Enttäuschung war. Das Bundesversorgungsgesetz 
schien im Südwesten den subjektiven Eindruck zu bestätigen, daß der neue Staat 
nicht bereit war, die berechtigten Ansprüche derer, die mit ihrer Gesundheit oder mit 
dem Leben ihrer Angehörigen für eine nicht von ihnen persönlich zu verantwortende 
nationale Katastrophe „bezahlt“ hatten, auch anzuerkennen. 
Am meisten verschärfte sich die Situation in Baden, dem Land, das die besten 
Leistungen geboten hatte, dessen Kriegsopfer sich in ihrer materiellen Lage damit 
am stärksten verschlechterten und dessen Staatspräsident sich zugunsten der Kriegs 
opfer politisch besonders engagiert hatte. Auch in Rheinland-Pfalz und Württem- 
berg-Hohenzollern mehrte sich jedoch der Protest. Baden hielt sich auch gegenüber 
dem Bund an seine bisherige innenpolitische Linie. In den Einzelverhandlungen mit 
dem Bundesarbeitsministerium sowie im Bundesrat und seinen Ausschüssen wurden 
wenige Forderungen des Südwestens noch durchgesetzt. 10 Dennoch verschlechterte 
sich das Gesamtniveau der Leistungen so stark, daß Baden am 27. Oktober 1950 im 
Bundesrat als einziges Land gegen das Bundesversorgungsgesetz stimmte. Für 
Rheinland-Pfalz protestierte Altmeier ebenfalls, allerdings nicht nur wegen der un 
zureichenden Leistungen für Schwerbeschädigte, sondern auch, weil die Länder des 
Südwestens die aus den bisher besseren Regelungen erwachsenden Mehrbelastun 
gen im Zuge der Umanerkennung für eine Übergangszeit selbst tragen sollten; 
Geyer, Vorbote. 
10 Schriftverkehr und Protokolle in StA FR A 2/8147 und LHA KO 930/4760.
	        

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