Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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gen am bestehenden System war oder dieses einfach abschaffte, sondern ein neues 
Versorgungssystem schuf. Wie im Laufe der nächsten Jahre allmählich in Baden, 
waren dabei nicht die Grundlagen der Versorgung, wohl aber die während des 
„III. Reiches“ erfolgten Änderungen weitgehend aufgehoben worden, also insbe 
sondere die Front-, Dienstalter-, Braut- und anderen Zulagen. Das im Vergleich zum 
übrigen Nachkriegsdeutschland relativ höhere Versorgungsniveau war allerdings 
erkauft durch einen Verzicht auf die soziale Differenzierung, wie sie seit der Weima 
rer Republik durch die Koppelung eines Teiles der Rente an das frühere Einkom 
mensniveau bestanden hatte, während des „III. Reiches“ bereits zugunsten des 
Ehrensoldes und der militärischen Kriterien eingeschränkt worden war und 1948/49 
im rheinland-pfälzischen Landes- sowie 1950 im Bundes-Versorgungsgesetz wieder 
auflebte. Das pfälzische System strebte eine soziale Sicherung an auf einem Niveau, 
das niedrig war, nach den Kriterien von 1945 aber nicht am unteren Rande des 
Existenzminimums lag. 
Anders als in Baden und Württemberg, wurde die Anfang August 1945 angeordnete 
Auflösung der Versorgungsverwaltung jetzt bestätigt und Mitte November die 
Landesversicherungsanstalt mit der Durchführung der Versorgung beauftragt. Tat 
sächlich war die Verwaltungskontinuität aber insofern gegeben, als die aufgelösten 
Versorgungsämter Mainz und Landau ihre Arbeit als Versorgungsdienststellen der 
LVA weiterführten bzw. wieder aufnahmen. 12 Allerdings schieden 1945 durch Pen 
sionierung, Versetzung oder freiwillig 16,5% der Beamten und 57% der Angestellten 
aus, durch Entnazifizierungsmaßnahmen bis 1947 noch einmal 20% der Beamten 
und 7,4% der Angestellten, ein Abbau, der nur begrenzt durch Neueinstellungen 
ausgeglichen werden konnte. 13 Zur Entlastung wurden zeitweise Internierte als Sach 
bearbeiter in der Versorgungsverwaltung eingesetzt. 14 Bereits Ende 1946 war diese 
reduzierte Verwaltung mit fast 32 000 Rentenanträgen von Beschädigten und fast 
24 000 Anträgen von Hinterbliebenen konfrontiert, zu denen 7 330 Anträge auf 
orthopädische Versorgung kamen. Bis Ende 1947 wuchs die Zahl auf über 91 000 
Renten- und über 24 000 orthopädische Anträge. 15 Bis Ende 1945 hatten damit schon 
4,4% der Gesamtbevölkerung von Hessen-Pfalz selbst einen Antrag auf Versor 
gungsrente gestellt; bis Ende 1947 wurden es 7,2%, ohne die Antragsteller, die sich 
auf orthopädische Versorgung beschränkten. Von diesen Anträgen waren Ende 1947 
rund 40% noch nicht bearbeitet, eine Situation, die zu erheblicher Verbitterung unter 
den Betroffenen und scharfen Angriffen auf die Versorgungsverwaltung führte. 
Rundverfügung vom 15. 11. 1945. Vgl. Die Versorgung ..., wie Anm. 2; Vorläufiger Tätigkeits 
bericht der Landesversicherungsanstalt Rheinland-Pfalz für die Zeit von Sommer 1945 bis Ende 
1947some allgemeiner Schriftverkehr in Archiv LVA RLP. 
Prozentzahlen nach Personalbestand zu Kriegsende. Personalstatistik in: Bericht über die 
Arbeitsverhältnisse der Landesversicherungsanstalt Hessen-Pfalz in Speyer zu Anfang 1947, 
14. 3. 1947; ebd'. Anfang 1947 betrug der Personalstand bei den Beamten 67% und bei den 
Angestellten 65,4% des Standes zu Kriegsende. 
Die Versorgung..., wie Anm. 2. 
Zahlengrundlage: Vorläufiger Tätigkeitsbericht (wie Anm. 12), Bevölkerungszahl nach Bulle 
tin Statistique No. 4(Okt. 1947), S. 6 (= Gesamtbevölkerung Hessen-Pfalz: 1 269 383). Vgl. 
auch Die Versorgung..., wie Anm. 2.
	        
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