Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

447 
Materie der Unfallversicherung erst einarbeiten mußten. 14 Ende 1947 waren in der 
Stuttgarter LVA von knapp 105 000 eingegangenen Anträgen mit gut 23 000 nicht 
einmal ein Viertel erledigt, in der LVA Hessen von über 145 000 Anträgen mit fast 
62 000 gerade zwei Fünftel. Trotz der Koordinierung der Gesetzgebung bildeten sich 
in der praktischen Durchführung der Gesetze allerdings Unterschiede zwischen den 
einzelnen Ländern heraus, da die Bestimmungen vielfach unterschiedliche Ausle 
gungen zuließen. 15 
Mitte 1947 gelang nun auch eine weitgehende Koordination der Kriegsopferpolitik 
mit der britischen Zone, in der die Versorgungsfragen seit 1945 zwar zentralisti 
scher und nicht so unterschiedlich wie in der amerikanischen Zone geregelt worden 
waren, eine klare Linie bislang aber dennoch zu vermissen blieb. 
Früher als die anderen Besatzungsmächte hatten die Briten bereits Ende August 
1945 im Rahmen ihrer ersten Sozialversicherungsregelung das Auszahlungsverbot 
der SHAEF-Anweisung bestätigt und festgelegt, daß Beschädigten- und Hinterblie 
benenrenten nur noch im Falle der Bedürftigkeit, und auch dann nur bis etwa zur 
anderthalbfachen Höhe der ortsüblichen Wohlfahrtssätze, gezahlt werden dürften. 16 
Die verschwommene Diktion der Direktive deutete allerdings darauf hin, daß die 
Briten sich noch nicht darüber schlüssig waren, wie die Kriegsopfer zu behandeln 
seien, und es wurde auch ausdrücklich betont, eine endgültige politische Entscheidung 
über die Kriegsopferrenten und -Verwaltungen sei noch nicht gefallen. 
Anfang 1946 erfolgte mit Wirkung vom 1. August 1946 eine erhebliche, über die von 
den Amerikanern getroffenen Maßnahmen noch hinausgehende Verschärfung die 
ser Regelung. Mit einigen Durchführungsverordnungen zusammen bedeutete sie im 
wesentlichen die Verwirklichung der im Mai 1946 im Kontrollrat provisorisch aufge- 
stellten Grundsätze. 11 Entsprechend ihrer recht kompromißlosen Haltung im Kon 
trollrat verwirklichten die Briten diese Prinzipien in extensiver Form. Die Zahlung 
von militärischen und zivilen Kriegsopferrenten wurde grundsätzlich eingestellt, 
soweit nicht aus früheren Versicherungsverhältnissen Anspruch auf Renten aus der 
Sozialversicherung bestand. Wer vor dem Eintritt in die Wehrmacht nicht versichert 
war, aber Anrecht auf eine Kriegsopferrente gehabt hätte, wurde in die Sozialversi 
cherung übernommen; ihm wurden so viele Beiträge gutgeschrieben, daß er auf die 
auch für Rentner der Angestelltenversicherung festgesetzten monatlichen Mindest 
renten kam: 40 RM für Beschädigte, 30 RM für Witwen, 20 RM für Waisen. Die 
Versorgungsverwaltung wurde aufgelöst und den Landesversicherungsanstalten * * * * * * * * * 
Einzelheiten sind zu verfolgen an den Schilderungen und Statistiken im Verwaltungsbericht 
der Landesversicherungsanstalt Württemberg für das Geschäftsjahr 1947, S. 42 ff. (Archiv 
LVA Württemberg), sowie im Verwaltungsbericht 1947 der LVA Hessen, S. 38 ff. (Archiv 
LVA Hessen). 
Verwaltungsberächt 1947, LVA Hessen, ebd. Zum Umfang der Kriegsopfer-Fürsorge siehe 
für 1949 Dyckerhoff, S. 238 f. 
Sozialversicherungsdirektive (SVD) Nr. 1, 28. 8. 1945; Arbeitsblatt für die britische Zone 1 
(1947), S. lOf. 
11 Vgl. oben S. 405 f.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.