Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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wenn sie sich teilweise auf Parteien stützen konnten wie im Fall von Reichsbund und 
SPD; solche Selbsthilfe-Initiativen entwickelten sich im Klima politischer Absti 
nenz, das die Szene der Jahre 1945/47 weitgehend charakterisierte, besonders 
schwer. Aus diesen Gründen spielten 1945 meist Opfer des I. Weltkrieges, die über 
die Organisationserfahrungen der Weimarer Republik verfügten, eine wesentliche 
Rolle bei dem Wiederaufbau der Verbände, soweit sie nicht höhere Funktionen in 
der NSKOV eingenommen hatten und infolgedessen durch die Entnazifizierung von 
führenden Posten zunächst ausgeschlossen waren. Die Bedeutung der NSKOV für 
Kontinuität und Diskontinuität der deutschen Kriegsopferverbände ist ohne eine 
genauere, auch prosopographische Untersuchung dieser Organisation schwer abzu 
schätzen; auf einige Beispiele wird im folgenden noch hinzuweisen sein. Aus der 
Gründungsgeschichte der Verbände der französischen Zone ergibt sich der Ein 
druck, daß vor allem Mitglieder des der SPD nahestehenden Reichsbundes ihre 
persönliche Integrität auch dann, wenn sie der NSKOV angehört hatten, so weit 
hatten wahren können, daß sie nach 1945 zu den Führungsgruppen gehören konn 
ten. Der Reichsbund war unter den politisch orientierten Verbänden der Weimarer 
Republik auch der einzige, der 1946 seine 1933 abgebrochene Tradition wieder 
aufzunehmen vermochte. 8 
Trotz der Bedeutung der Weimarer Verbandsfunktionäre für den Wiederaufbau 
ergab sich in politischer Hinsicht ein deutlicher Bruch mit Weimar. Vor 1933 waren 
die großen Kriegsopferverbände weitgehend in das politische System der etablierten 
Parteien eingebunden gewesen: Der Reichsbund der Kriegsbeschädigten stand der 
SPD nahe, der Zentralverband Deutscher Kriegsbeschädigter und Kriegshinterbliebe 
ner war aus den Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften hervorgegangen und zur 
DVP orientiert, der Internationale Bund der Kriegsopfer wurde von der KPD be 
herrscht. 9 Diese teilweise Integration in das politische Parteiensystem änderte sich 
nach 1945, und auch hier entfalteten die Bedingungen der Besatzungszeit eine lang 
fristige Wirkung. Die Reduktion des politischen Lebens auf regionale, wenn nicht 
gar lokale Einheiten 1945 zwang die Kriegsopfer ebenso wie die Kontrolle durch die 
jeweiligen Militärregierungen dazu, sich zunächst nicht nach ihren politischen Ten 
denzen, sondern nach ihren Interessen als Kriegsopfer zu sammeln. Hinzu kam 
wenig später, daß die Alliierten nur eine geringe Zahl von Organisationen zuließen. 
Daraus entwickelte sich eine parteiübergreifende politische Struktur, die sich im 
wesentlichen bis heute erhalten hat. Wenngleich der Reichsbund stärker zur SPD 
neigt und der VdK eine vergleichsweise etwas konservativere Ausrichtung aufweist, 
vereinen beide Verbände seit ihrer Wiedergründung doch Mitglieder aller politi 
schen Tendenzen. 10 Dies bedeutete nicht eine Entpolitisierung, sondern politischen 
8 Vgl. unten S. 429 ff. 
9 Übersicht über die Entwicklung der Kriegsopfer- und Soldatenverbände während der Wei 
marer Republik bei Diehl, Germany; zur Frühzeit ders., Organization; weitere Hinweise bei 
Whalen. Liste der im Reichsausschuß der Kriegsbeschädigten- und Kriegshinterbliebenenfiir- 
sorge vertretenen und damit gewissermaßen amtlich anerkannten Verbände bei Szilagi, S. 48. 
10 Neben den eigenen Beobachtungen im folgenden vgl. für die 1950er Jahre die Statistiken bei 
Donner, S. 29 ff.; er hat den Zusammenhang zwischen Verbands- und Parteizugehörigkeit 
von kriegsbeschädigten Bundestagsabgeordneten sowie die Parteizugehörigkeit von 3521
	        
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