Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

403 
setzten Auffassungen, die auch den Hintergrund für die später zu untersuchenden 
divergierenden Entwicklungen in den Zonen bildeten. 8 Von vornherein stand in den 
Kontrollratsgremien nicht eine isolierte Wiedereingliederung der Kriegsopfer, son 
dern eine Berufsfürsorge für alle Körperbehinderten (inaptes au travail normal) zur 
Diskussion, was der generellen politischen Linie der Alliierten entsprach. Im Mai 
1946 legte die französische Kontrollratsgruppe ein umfangreiches Projekt vor. 9 Sie 
verwies auf die große quantitative Bedeutung des Problems, nachdem in der franzö 
sischen Zone 65 % und in der amerikanischen 45 % der Arbeitsuchenden Behinderte 
seien. Unter ihnen nach der Ursache der Behinderung zu differenzieren sei unter 
Reintegrationsgesichtspunkten nicht sinnvoll. Die Festsetzung eines einheitlichen 
Pflichtbeschäftigungssatzes - wie er der deutschen Tradition entsprach - sei jedoch 
gleichfalls nicht angebracht, da die Notwendigkeiten und Möglichkeiten der Be 
schäftigung von Behinderten sowohl nach Regionen wie nach Wirtschaftsbranchen 
variierten; für die französische Zone seien Sätze zwischen 5 % und 20 % angebracht. 
In die Beschäftigungspflicht müßten auch kleine Unternehmen einbezogen werden. 
Zu der Arbeitsvermittlung müsse ein Rehabilitationsprogramm sowie die Versor 
gung mit orthopädischen Apparaten treten. 
Die Franzosen gingen mit dieser Konzeption noch differenzierter, als es der deut 
schen Versorgungstradition entsprochen hätte, auf die komplexe Struktur des Pro 
blems ein. Amerikaner und Briten entgegneten den Franzosen in einer Schärfe, die 
für solche weithin von technischen Problemen beherrschten sozialpolitischen Debat 
ten ungewöhnlich war. Die Briten erklärten das ganze Projekt für überflüssig, 
schwerfällig und zu kompliziert. Der Kontrollratsbefehl Nr. 3 über die Registrierung 
der arbeitsfähigen Bevölkerung 10 * reiche für die Bewältigung der Behindertenproble 
matik völlig aus. Der französische Plan betreffe eigentlich nicht Fragen des Arbeits 
marktes, sondern der Sozialversicherung oder Fürsorge. Prioritär sei nicht eine Hilfe 
für die Betroffenen, sondern ihre Vermittlung unter dem Gesichtspunkt ihrer Lei 
stungsfähigkeit. Die Gefahr des französischen Systems liege in einer unproduktiven 
Arbeit der Behinderten und damit einer versteckten Arbeitslosigkeit; Kampf gegen die 
Arbeitslosigkeit interessiere aber nur insoweit, als diese Epidemien oder Revolten 
hervorzurufen drohe," denn nicht zu harter Arbeit fähige Kräfte könne der Arbeits 
markt der britischen Zone derzeit nicht aufnehmen. 12 Die Amerikaner betonten, man 
könne jetzt nicht eine sentimentale Politik zugunsten der Behinderten betreiben, 12 
sondern müsse primär ihre berufsbezogene Reedukation und den Arbeitseinsatz der 
Arbeitsfähigen regeln; der französische Plan drohe zudem die wirtschaftliche und 
Die folgende Zusammenfassung beruht auf den Protokollen des für Arbeitsmarktfragen 
zuständigen Kontrollrats-Unterausschusses: Comite de la main-d’oeuvre, bes. 22. 5., 12. 8., 
12. 9., 4. 10., 15. u. 27. 11. 1946, AdO Colmar GFCC C. 828 TRA 8, sowie auf den Tischvorla 
gen und Protokollen des Arbeitsdirektoriums, MdAE Y (1944-1949) 635. 
Vgl, Arbeitsmarktausschuß 22. 5. 1946; ebd. 
17. 1. 1946; Amtsblatt des Kontrollrats Nr. 6, S. 131-133; im Journal Officiel der französi 
schen Zone ist dieser Befehl nicht veröffentlicht worden. 
Zitate aus Arbeitsmarktausschuß, 22. 5. 1946; wie Anm. 8. 
Zitat aus Arbeitsmarktausschuß, 12. 8. 1946; wie Anm. 8. 
Arbeitsmarktausschuß, 22. 5. 1946; wie Anm. 8.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.