Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Gesellschaft. Die Beschädigten und Hinterbliebenen selbst forderten die Anerken 
nung einer materiellen und sozialen Sonderstellung als Ausdruck der gesellschaftli 
chen Anerkennung ihres Schicksals. Sowohl aus Sicht der Opfer wie aus der der 
Allierten verwoben sich hier die Kriegsopferfragen mit dem Problem der Einstellung 
gegenüber dem Nationalsozialismus und der dem deutschen Volk in seiner Gesamt 
heit zugemessenen Verantwortung. Die Kriegsopfer waren nicht durch politische 
Ideen wie die Parteien geeint, nicht durch landsmannschaftliche Zugehörigkeit wie 
die Vertriebenen, nicht durch soziale Kriterien, sondern sahen ihr Schicksal als 
Folge der Zufälle des Verlaufs der Kämpfe. Ob ein Soldat nach dem Krieg seine 
Karriere zerstört und sein Familienleben in der Regel stark in Mitleidenschaft gezo 
gen sah oder ob er von gesundheitlichen Hemmnissen unbeschwert an die Weiter 
führung seiner Tätigkeit oder den Aufbau einer neuen Berufslaufbahn gehen konnte, 
hing in dieser Hinsicht weniger von seinem persönlichen Verhalten als vom Kriegs 
verlauf ab. Gegenüber dieser subjektiven Einschätzung der Betroffenen neigten die 
Allierten dazu, in dem Versehrten als besonders aktivem Soldaten zunächst den 
deutschen „Militaristen“ zu sehen, und besonders die sowjetische Seite war von der 
Herstellung eines Kausalzusammenhanges von Kriegsverletzung und Unterstützung 
des Nationalsozialismus oft nicht weit entfernt. 
Ende Februar 1946 beauftragte das Arbeitsdirektorium des Kontrollrats seinen Sozi 
alversicherungs-Unterausschuß mit der Ausarbeitung von Grundsätzen für die 
Kriegsopferversorgung. 7 * * Dabei einigten sich die Westmächte darauf, die Kriegsop 
ferfrage als eine primär soziale Frage zu betrachten, sie daher auf der Ebene der für 
Sozialpolitik zuständigen Kontrollratsgremien zu lösen und den Kriegsopfern einen 
eigenen, von den Fürsorgeempfängern unterschiedenen Status zuzubilligen; die Für 
sorge wurde im Kontrollrat nicht als Teil der Sozial-, sondern der Innenpolitik 
behandelt. Die sowjetische Seite lehnte dies ab und verwies auf den politischen 
Charakter des Problems, was in der Praxis die Befassung zahlreicher weiterer Kon 
trollratsgremien mit der Problematik und eine entsprechende Verschleppung der 
Angelegenheit bedeutete. Sachlich forderte sie die Verweisung der Kriegsopfer an 
die Fürsorge. Zwei große Teilkomplexe wurden zu den wichtigsten Streitpunkten: 
Die Berufsfürsorge, also die Wiedereingliederung der Beschädigten in den Arbeits 
prozeß, in der der Kontrollrat Ende 1946 zu einer rudimentären Lösung kam; und 
die Rentenversorgung der Kriegsopfer, über die Ende 1947 ein Kompromiß erzielt 
wurde. Die Entwicklung in den Zonen war zu diesem Zeitpunkt allerdings teilweise 
bereits über den Kontrollrat hinweggegangen. 
Besonders deutlich wurden die unterschiedlichen sozialpolitischen Vorstellungen 
der Alliierten in den sich über das ganze Jahr 1946 hinziehenden Kontroversen 
um die Berufsfürsorge für Schwerbeschädigte, die seit 1920/23 zu den Kernbe 
reichen der deutschen Kriegsopferversorgung gehörte. Franzosen und Briten enga 
gierten sich in dieser Frage besonders stark und mit zunächst diametral entgegenge 
7 Protokoll DMAN/M(46)6, 28. 2. 1946; MdAE Y (1944-1949) 631. Die unterschiedlichen 
Standpunkte wurden u. a. Anfang Februar im Sozialversicherungsausschuß formuliert: 
DMAN/SI/M(46)5; ebd.
	        

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