Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Arbeitsverwendungsunfähigkeits-Rente (AVU-Rente), die nach Familienstand und 
Ortsklasse von 55 RM bis 105 RM (Unverheiratete unter 35 Jahre: 40-65 RM) 
gestaffelt war; soweit nicht allein der Wehrdienst zu der Behinderung geführt hatte, 
wurden entsprechende A VU-Teilrenten gewährt (§§ 85-89 WFVG). Ruhegehaltsbezü 
ge wurden angerechnet. Auch die Arbeitsverwendungsfähigkeit, deren Motivation 
dem Charakter des alten RVG am nächsten kam, hatte jedoch nur eine sekundäre 
Bedeutung. Denn abgesehen von den an der soldatischen Leistung orientierten 
anderen Leistungen bestimmte das WFVG für die Heilfürsorge ausdrücklich, ihr Ziel 
sei die Erhaltung oder Wiederherstellung der Wehrtauglichkeit oder der Arbeitsverwen 
dungsfähigkeit (§ 70); auch hier war der Primat des Militärischen deutlich. Zu diesen 
für das WFVG charakteristischen Grundleistungen und Zulagen kamen weitere 
Bestandteile, die unter bestimmten Bedingungen gewährt wurden und in ihrer 
Grunddisposition der Anlage des RVG entsprachen, auch wenn sie z. T. verbessert 
wurden: Pflegezulage für hilfsbedürftige Versehrte, Blindenzulage, Kinderzuschläge 
bei der AVU-Rente, schließlich der große Bereich der kostenlosen Heilfürsorge 
sowie der Berufsfürsorge. Verbessert wurde auch die Hinterbliebenenversorgung. So 
wurde die Unterscheidung der Witwenrenten für arbeits- und nicht arbeitsfähige 
Witwen für das RVG schon am 3. Juli 1934 aufgehoben 40 und auch im WFVG nicht 
wieder aufgenommen; bei Bedürftigkeit kamen Kannleistungen zur Witwenrente 
hinzu. Kinderzuschläge zur Witwenrente, Waisenrenten, Sterbe- und Bestattungs 
geld, Elternrente bei Bedürftigkeit und Witwenabfindung bei Wiederverheiratung 
waren die wichtigsten Leistungsarten; auch sie enthielten allerdings charakteristi 
sche Einschränkungen wie z. B. den Wegfall der Witwenabfindung bei Wiederver 
heiratung mit einem von mindestens einem jüdischen Großelternteil abstammenden 
Mann (§ 116 WFVG). 
1938 war damit ein Versorgungssystem geschaffen, das zwar die Grundprinzipien 
des RVG von 1920 teilweise weiterentwickelte, sie jedoch in wesentlichen Bereichen 
unter dem Primat der Aufrüstung und Kriegsbereitschaft abwandelte bzw. ergänzte 
und damit den Grundcharakter des Systems von der Stellung des Soldaten als 
Mitglied der zivilen Gesellschaft weg und hin zum Wehrdienst als Ehrendienst der 
Nation verschob. Die Entstehung des WFVG kann im Rahmen der vorliegenden 
Arbeit nicht genauer untersucht werden. Sein ambivalenter Charakter läßt es aber 
wahrscheinlich erscheinen, daß es sich dabei um einen Kompromiß handelte aus 
Forderungen von Parteistellen und Konzeptionen der alten Ministerialbürokratie 
des Reichsarbeitsministeriums, die sich auch in zahlreichen anderen sozialpoliti 
schen Bereichen während des „Dritten Reiches“ immer wieder ganz oder teilweise 
hatte durchsetzen können. Daß das WFVG für das Reichsarbeitsministerium die 
Unterschrift von Johannes Krohn trug, dem Exponenten der konservativen Beam 
tengruppe, der nach 1945 wieder erheblichen Einfluß auf die bizonale Sozialpolitik 
erhielt, deutet in diese Richtung, doch bliebe dies weiter zu erforschen. 
Schon im unmittelbaren Vorfeld des Krieges und verstärkt dann im Kriege selbst 
wurde dieses System weiterentwickelt, wobei Stärkung der Wehrbereitschaft und 
40 Ebd.,S. 16.
	        
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