Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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So schwierig die Interpretation der unvollständigen und teilweise unsicheren Zahlen 
der Nachkriegs-Statistiken auch ist: Nimmt man die verfügbaren Informationen in 
ihrer Gesamtheit, so erweist sich, daß in der französischen Zone 1946 die Lösung von 
Problemen versucht worden und teilweise gelungen ist, die in den anderen beiden 
Westzonen erst im Zuge oder nach der Gründung der Bundesrepublik in Angriff 
genommen wurden. Der relativ hohe Anteil freiwillig Versicherter in den Ortskran 
kenkassen nach Wiederzulassung der Sonderkassen, der Verzicht zahlreicher Be 
triebskassen auf die Wiedereröffnung, die hohe durchschnittliche Mitgliederzahl der 
wiedereröffneten Betriebskassen und der Anstieg der AOK-Beiträge nach 1948 ge 
hören bei aller Vorsicht in der Interpretation zu den Indizien, welche auch in 
quantitativer Hinsicht auf Erfolge der Reform in der französischen Zone verweisen. 
Wie die Geschichte der Sozialpolitik in der Bundesrepublik zeigt, ist die Organisa 
tionsform der Krankenversicherung nur eine von zahlreichen Möglichkeiten, deren 
Probleme zu lösen. Die politische Entwicklung bewirkte, daß die im Südwesten 
entworfene Lösung 1949 nicht weiterverfolgt wurde. Die Richtigkeit der damit ver 
folgten Ziele bestätigte sich jedoch. Die Probleme des Lastenausgleichs der Renten 
versicherung wurden 1956 in einer Form gelöst, die der Regelung in der französi 
schen Zone de facto nahe kam, indem diese Last auf alle Träger der sozialen 
Krankenversicherung verteilt wurde. Die Versicherung der Kriegshinterbliebenen 
wurde 1950 im Regelfall durch den Steuerzahler übernommen. Die grundsätzliche 
ren Probleme der „Solidarität“ der Versicherten, d. h. der Annäherung der Lebens 
bedingungen verschiedener Bevölkerungsschichten, wurden dagegen nur teilweise 
gelöst und behielten ihre Aktualität. Durch die Angleichung der Lohnfortzahlung 
von Arbeitern und Angestellten seit 1970 ist dieser Streitpunkt zwischen Ortskran 
ken- und Sonderkassen beseitigt. Vielfältige Reglementierungen haben den Spiel 
raum der Selbstverwaltung im Sinne einer Leistungsangleichung weitgehend einge 
engt. Die Probleme der großen Beitragsunterschiede bei den verschiedenen Trägem 
der sozialen Versicherung sind aber noch nicht gelöst, und ebensowenig sind die 
Leistungen völlig angeglichen. Eine Stärkung der Selbstverwaltung gewinnt zudem 
durch die Finanzkrise der sozialen Krankenversicherung neu an Aktualität. Die in 
Tabelle 14 ablesbare Entwicklung bezeichnet daher einen wesentlichen Grund dafür, 
daß die gegenwärtige wissenschaftliche und politische Diskussion teilweise noch um 
die gleichen Probleme kreist, welche auch die Einheitsversicherungsdebatte der 
Nachkriegsjahre gekennzeichnet hat.
	        

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