Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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geld eingespart werde; Ersatzkassen erklärten, dies sei durch auf die Gehaltsfortzah 
lungsdauer abgestellte Tarife ausgeglichen. In dem Dickicht der Argumente und 
Zahlen, die in den seltensten Fällen als allgemein verwertbare globale Berechnungen 
vorliegen, lassen sich eindeutige Befunde schwer gewinnen. Immerhin gibt es auch 
hier wenigstens Hinweise. Nach einer Erhebung des Ortskrankenkassenverbandes 1 * 
sind die Unterschiede in der Grundlohnsumme von Arbeitern und Angestellten, 
nach denen die Beiträge berechnet wurden, in der Grundtendenz bekannt. In Rhein 
land-Pfalz erfaßte die Erhebung zum 1. April 1949, also etwa ein halbes Jahr vor 
Wiederzulassung der Sonderkassen, 78% der Versicherten. Hier lag der Grundlohn 
bei den Arbeitern bei durchschnittlich 150,68 DM und bei den Angestellten bei 
220,73 DM. Die Differenz betrug also rund 70,- DM monatlich, bei Varianten 
zwischen 27,31 DM (Altenkirchen) und 92,04 DM (Ahrweiler); fast genau die 
Durchschnittssätze erreichte die AOK Trier. In Baden betrug die größte Differenz 
sogar 116,34 DM (Baden-Baden), in Württemberg-Hohenzollern 116,94 DM (Bibe- 
rach). Trotz der durch die regionale Wirtschaftsstruktur bedingten Unterschiede war 
also deutlich eine Grundrelation von fast 2:3 ausgeprägt. Damit verloren die Orts 
krankenkassen bei Auflösung der Einheitskasse mit den Angestellten in der Tat ihre 
mit Abstand besten Beitragszahler. Hans Schaefers scharfes Wort von 1983, durch 
die Ersatzkassen sei „das Prinzip der Solidarität in grob auffälliger Weise klassenbe 
grenzt“, bezeichnet die Ergebnisse dieser Statistik treffend und zeigt zugleich, daß 
das mit der Krankenversicherungsreform im Südwesten verfolgte Ziel an politischer 
und wissenschaftlicher Aktualität nicht verloren hat. * 11 * * * * 
Trotz seiner für die Ortskrankenkassen erheblichen Größenordnung blieb der Mit 
gliederzuwachs der Sonderkassen nach 1949 jedoch teilweise wesentlich hinter dem 
Ausmaß zurück, das aufgrund der Mitgliederstruktur 1946-1949 zu erwarten gewe 
sen wäre. Dies ist für die anderen Sonderkassen besser als für die Ersatzkassen zu 
überblicken. 
1949/50 wuchs die Zahl der Innungskrankenkassen-Mitglieder im Bundesge 
biet um rund 36 000(10%); etwa ein Viertel davon kam aus der französischen Zone. 16 
Hier wurden bis Juli 1951, also gut eineinhalb Jahre nach der Wiederzulassung, 12 
der ursprünglich 13 Innungskrankenkassen mit 9 240 Mitgliedern wiedererrichtet: 17 
eine Größenordnung, welche für die Ortskrankenkassen allenfalls lokal von wesent 
licher Bedeutung war; sie betrug etwa 0,5% der Ortskrankenkassenmitglieder der 
französischen Zone 1950, gegenüber einer Bundesdurchschnittsrelation von etwa 
VdO Lahr Altreg. Az. 1040, auszugsweise auch in einem VdO-Sonderrundschreiben vom 
23. 8. 1951 verbreitet. 
11 Schaefer, Strukturfragen, S. 20. 
Die soziale Krankenversicherung im Jahre 1950, S. 8. 
Detaillierte Zahlen nach AOK-Bezirken für die ganze Zone zum Stichtag 1. 7. 1951: Statisti 
sche Erhebung über die Wieder- bzw. Neuerrichtung von Betriebs- und Innungskrankenkassen, 
VdO Lahr Altreg. Az. 1040; zusammengefaßt in VdO, Sonderrundschreiben an alle Mitglie 
der, 23.8. 1951, ebd. Wieder dürfen die Zahlen wohl nur zur Bestimmung des Trends 
verwendet werden. Das Bundesarbeitsministerium gab für Ende 1950 (Die soziale Kranken 
versicherung im Jahre 1950, S. A 5) 11 Kassen mit 10 769 Mitgliedern an; 1951 (ebd. 1951, 
S. A 6) wurde die französische Zone nicht mehr gesondert ausgewiesen.
	        
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