Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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sehen Befund der Situation im Südwesten weiterzuentwickeln. Manche sozialpoliti 
schen Probleme der Nachkriegsjahre waren zwar politisch und sozialgeschichtlich 
interessant und teilweise essentiell, doch nicht für die französische Zone allein 
charakteristisch. Dies gilt beispielsweise für den allgemeinen und für den sozialen 
Wohnungsbau — ein Bereich, dessen Wirkung auf die bundesdeutsche Nachkriegs 
mentalität eine eigene Untersuchung wert wäre — oder für den Lastenausgleich, 46 in 
dem die französische Zone sich sehr weitgehend den in der Bizone getroffenen 
Entscheidungen anschloß. Solche Themen zonenbezogen zu untersuchen, erscheint 
weniger sinnvoll. Weitere Bereiche wie Gewerbeaufsicht und Arbeitsschutz erschie 
nen weder für den Südwesten noch für die Nachkriegsjahre besonders spezifisch, 
wenngleich z. B. Materialien der Gewerbeaufsicht für bestimmte Probleme herange 
zogen werden. Dagegen eröffnen einige Themen über den speziellen sozialpoliti 
schen Gegenstand hinaus gerade aus dem Blickwinkel des Südwestens weitere 
Perspektiven, und zwar vor allem im Vergleich mit britischer und amerikanischer 
Zone. 
Vor dem Hintergrund der allgemeinen Fragestellungen einerseits und der sozialpoli 
tischen Ausgangskonzeption andererseits erwiesen Sozialversicherung und Kriegs 
opferversorgung sich als besonders ergiebige Teilbereiche. Auf diesen Gebieten hat 
die Sozialpolitik im Südwesten sich auch strukturell in den Nachkriegsjahren am 
weitesten von der Entwicklung in der britischen und amerikanischen Zone entfernt; 
Neuordnungsansätze sind damit hier besonders deutlich zu fassen, allerdings teil 
weise bis in die Fachliteratur hinein vergessen. Beide Bereiche hatten für besonders 
große Bevölkerungsgruppen unmittelbare Bedeutung, und in beiden waren große 
Finanzvolumina betroffen, die allein in den Planungen der Kriegsopferversorgung 
bis an die Hälfte der Länderhaushalte reichen konnten; die ökonomischen Interes 
sen der Besatzungsmacht waren damit direkt tangiert. Schließlich eröffnen beide 
Bereiche auch gegensätzliche und insofern komplementäre Perspektiven für Kon 
zeptionen, Sachzwänge und Möglichkeiten sowohl deutscher wie französischer Poli 
tik in den Nachkriegsjahren. In der Kriegsopferversorgung war zudem auch über die 
französische Zone hinaus teilweise wissenschaftliches Neuland zu betreten. 
Diese Geschichte der Sozialpolitik unter Besatzungsbedingungen ist in einen breite 
ren Rahmen der wirtschaftlichen und sozialen Lebensbedingungen der Nachkriegs 
zeit zu stellen. In der kollektiven Erinnerung beherrscht der „Schwarze Markt“ die 
Zeit, und wie es scheint, gab es für Geld und damit für monetäre Sozialleistungen 
kaum etwas zu kaufen; es wird zu zeigen sein, daß dies nur sehr begrenzt zutrifft. Die 
Frage nach der Relevanz der Sozialleistungen in der Schwarzmarktzeit, nach den 
Ursachen, Wirkungen und Entwicklungen der „Schattenwirtschaft“, führt ihrerseits 
zurück zu der Wirtschafts- und Finanzpolitik vor dem Zusammenbruch und damit zu 
den Zusammenhängen von „III. Reich“ und politischen Reaktionen der Bevölke 
rung in der Nachkriegszeit. Aus sozialpolitischer Sicht kann damit einerseits die 
Debatte um die Währungs- und Wirtschaftsordnungsreform von 1948/49 weiterge 
Zu den Entscheidungsprozessen siehe, mit Schwerpunkt auf britischer und amerikanischer 
Zone, Schilling.
	        
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