Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

13 
Ein ähnliches Problem ergab sich durch die Öffnung der britischen und amerikani 
schen Archive und hat gleichfalls grundlegend auf die Forschung eingewirkt: Briti 
sche und insbesondere amerikanische Interpretationen sind damit oft unmerklich, 
aber in breitem Ausmaß in die Untersuchung der französischen Politik eingeflossen. 
Wie am Beispiel der Kontrollratstätigkeit zu zeigen sein wird, bergen allerdings 
schon die publizierten amerikanischen Akten reichhaltiges Material, das die Proble 
matik dieses methodischen Ansatzes deutlich macht. Die Frontstellungen aus der 
Kriegszeit müssen bei der Verwertung des Materials der anderen Alliierten einbezo 
gen werden. Insbesondere die amerikanische Verachtung für die Franzosen spielt 
hier eine wesentliche Rolle: die politischen Streitigkeiten mit de Gaulle während des 
Krieges, die französische Niederlage 1940, die in Frankreich höher als bei den 
anderen Alliierten eingeschätzte militärische Rolle der französischen Truppen 
1944/45, die Kontroversen mit de Gaulle in der Levante, im Aosta-Tal und um 
Stuttgart und die militärische und ökonomische Anhängigkeit der Franzosen von 
den Amerikanern 42 bestimmten eine Frontstellung, die sich besonders deutlich im 
Ausschluß Frankreichs von der Potsdamer Konferenz manifestierte. 
Mehr die Amerikaner als die Briten neigten daher insgesamt zu einer Geringschät 
zung der Franzosen. Der daraus folgende Blickwinkel der amerikanischen Akten hat 
sich teilweise auf die Historiographie übertragen, 43 und dies nicht nur in besonders 
deutlichen Fällen, wenn etwa scharfe Vorwürfe der — nicht immer genau informier 
ten — Amerikaner als Situationsschilderung zitiert, eine im gleichen Aktenband 
wenige Seiten später abgedruckte französische Entgegnung jedoch nicht einbezogen 
wurde. 44 So reichhaltig die anglo-amerikanische Überlieferung ist, so kann sie doch 
ebenso wie das deutsche und das französische Material nur unter Berücksichtigung 
der subjektiven Faktoren, unter deren Einfluß sie ihrerseits entstanden ist, zur Inter 
pretation herangezogen werden. Die langjährige französische Zurückhaltung, Zu 
gang zu den Archiven zu gewähren, hat de facto die Wirkung der subjektiven 
Faktoren der ersten Nachkriegsjahre auch in der Forschung verstärkt. 
Für die vorliegende Arbeit konnten französische Materialien, nachdem für einzelne 
Untersuchungen bestimmte Faszikel bereits früher im Ausnahmeverfahren zugäng 
lich gemacht wurden, erstmals umfassend herangezogen werden. Die Akten der 
französischen Militärregierung sind Anfang der 1950er Jahre in einem Depot in 
Colmar gesammelt worden, wo das nächstliegende französische Departementarchiv 
angesiedelt war. Einige Jahre später wurden sie dem Außenministerium unterstellt, 
Im Überblick dazu Lipgens, Etappen, und Kiersch, Deutschlandpolitik. 
Beispiele dafür, auf die genauer einzugehen sein wird, sind in Teilen die Arbeiten von John 
Gimbel, insbesondere: The American Occupation, mit dem er besonders großen Einfluß 
erhielt, und John H. Bäcker, besonders: Die deutschen Jahre; beide übernehmen vielfach 
die persönliche Interpretation von Clay als Darstellung der historischen Situation. Zu unter 
übergreifenden Gesichtspunkten formulierter Kritik an Gimbel siehe u. a. Schwarz, Vom 
Reich zur Bundesrepublik, Bibliographischer Essay zur Neuauflage, S. XXXVI, der die 
Bedeutung des Ost-West-Konflikts in der Gesamtbilanz höher veranschlagt als den Einfluß 
der französischen Politik. 
So gelegentlich bei dem häufig zitierten Schreiben von Byrnes an den französischen Bot 
schafter Bonnet, 24. 7. 1946, FRUS 1946 Bd. 5, S. 584, und der Antwort vom 30. 8. 1946, 
ebd., S. 596 ff.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.