Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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besonders umfangreichen Fleischauflagen, 29 verheerend. Die Demontagen hatten 
gleichfalls offenbar, von regionalen und branchenspezifischen Situationen abgese 
hen, im Vergleich zu den zahlreichen übrigen Nachkriegsproblemen ein Ausmaß, 
das weit hinter den in der Öffentlichkeit vermuteten Wirkungen zurückblieb. 
Wichtiger waren vermutlich, nach Läufers Ergebnissen zu schließen, die Wirkungen, 
die Frankreich auf die deutsche Wirtschaftsentwicklung durch die gezielte Förde 
rung bestimmter Wirtschaftszweige bei Vernachlässigung anderer Branchen ausübte. 
Rekonstruktionseffekte und negative Folgen sind bislang aber nicht eindeutig gegen 
einander abzugrenzen. Große Gewinne zog Frankreich aus der Außenhandelsstruk 
tur, bei deren Organisation die von deutscher Seite im Krieg in umgekehrter Rich 
tung entwickelten Instrumentarien gelegentlich übernommen wurden; teilweise ge 
schah dies allerdings in Übereinstimmung mit Kontrollratsbeschlüssen, welche vor 
allem die Amerikaner, soweit bislang bekannt, weniger rigoros durchführten. Ab 
schließend beurteilen können wird man diesen Komplex erst, wenn weitere Detailar 
beiten vorliegen und wenn die französischen Entnahmen und Gewinne systemati 
scher mit denen der anderen Besatzungsmächte verglichen werden können. Der 
Grundwiderspruch, der in der französischen Politik lag, ist bisher noch nicht ge 
nauer verfolgt worden: Langfristig konnte man die Zone nur nutzen, wenn die 
Wirtschaft wieder aufgebaut wurde; das schloß eine kurzsichtige reine Ausbeutungs 
politik jedoch aus. 30 Tatsächlich sind beide Konzeptionen innerhalb des französi 
schen Apparates verfolgt worden; ihr Gewicht, ihre Entwicklung und die Motive, die 
dahinter standen, sind bislang kaum bekannt. Ebenso stellen sich grundlegende 
wirtschaftstheoretische Probleme, auf die im Zusammenhang mit der Frage nach 
den Ursachen und Auswirkungen des Schwarzen Marktes einzugehen sein wird. 
Für die deutschen Regierungen ergaben sich aber nicht nur durch legale und illegale 
Restitutionen, Demontagen und Entnahmen aus der laufenden Produktion erheb 
liche Lasten. Die Nutzung deutscher Infrastrukturen, vom Post- und Bahnwesen bis 
zur Requisition dringend benötigten Wohnungsbedarfs für einen aufgeblähten Mili 
tär- und Verwaltungsapparat, 31 schuf ständig zusätzliche Probleme. Die Landeshaus 
halte wurden ebenso dadurch belastet, daß Frankreich die Besatzungskosten, deren 
Bezahlung es völkerrechtlich grundsätzlich verlangen konnte, im Gegensatz zu Bri 
ten und Amerikanern pauschal und in umstrittener Höhe ansetzte; allerdings ent 
sprach dies im Prinzip dem System, das Carlo Schmid in seiner aufsehenerregenden 
Rede bei der Münchener Ministerpräsidentenkonferenz 1947 ausdrücklich gefordert 
hatte, wenngleich er es mit der Finanzkraft der Länder abgestimmt sehen wollte. 32 
Der Eindruck von dem Heuschreckenschwarm, der über das Land herfiel (Boislam 
bert), rührte auch aus der Vielfältigkeit dieser Anforderungen der Besatzungsmacht 
her. 
29 Vgl. dazu etwa ein langes Protesttelegramm Boislamberts an Koenig, 30. 4. 1948, wiederge 
geben in dem Memorandum (wie Anm. 7). 
30 So wandte sich das Oberkommando in der ersten Nummer seiner Truppenzeitschrift La 
Revue de la Zonefranfaise(\5. 11. 1945, S. 13) gegen eine reine Ausplünderungspolitik; die 
Henne, die goldene Eier lege, solle man nicht schlachten, sondern die Wirtschaft des 
besetzten Landes im Gegenteil zu entwickeln versuchen. 
31 Zahlen bei Boislambert, wie Anm. 7. 
32 7. 6. 1947; Akten zur Vorgeschichte, Bd. 2, S. 572.
	        

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