Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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gleichfalls „demokratischen“ Gegenargumentes der Beitrags- und Leistungsverein 
heitlichung andererseits erwies dieses Argument sich 1945/46 noch als wenig schlag 
kräftig. Es sollte aber bei den Debatten über die Wiederzulassung der Kassen 
1948/49 als ein Kernpunkt im Kampf gegen die Einheitskrankenversicherung insbe 
sondere durch CDU und FDP wieder aufgenommen werden. 
Im Fazit erweist sich, daß die politische Auseinandersetzung um die Struktur der 
Sozialversicherung bereits im Winter 1945/46 hart geführt wurde. Das Bild von dem 
zögernden Wiederbeginn politischer Tätigkeit im Nachkriegsdeutschland erhält hier 
keine Bestätigung. Relativ selten war ein unterwürfiges Verhalten gegenüber der 
Besatzungsmacht zu beobachten, wie es einige Ersatzkassenvertreter an den Tag 
legten. 46 Angesichts des allgemeinen Bildes einer autoritär auftretenden französi 
schen Verwaltung überrascht eher die Bestimmtheit, mit der deutsche Standpunkte 
hier vorgetragen wurden. Teilweise dürften die Besatzungsoffiziere mit der kompli 
zierten Materie überfordert gewesen sein und schon deshalb, vor allem auf regiona 
lem Niveau, auf deutsche Vorhaltungen gelegentlich eingegangen sein. Die Tübinger 
Section du Travail schlug sich zeitweise sogar gegen die Baden-Badener Planungen 
auf die Seite der deutschen Arbeitsverwaltung und gab dieser taktische Hinweise, 
wie sie gegenüber Baden-Baden vorgehen solle. Regionale Militärregierung, deut 
sche Arbeitsdirektion und Interessenvertreter der Betriebskassen arbeiteten in Würt- 
temberg-Hohenzollern schon Ende 1945 eng zusammen, um die zunächst sehr weit 
gehenden Baden-Badener Planungen zu beeinflussen und abzuschwächen. Dies war 
eine Sondersituation in Württemberg-Hohenzollern, wo christliche Gewerkschaftler 
im Zonenvergleich die stärkste Stellung innerhalb der deutschen Verwaltung hatten. 
In den anderen Teilen der Zone stimmten die deutschen Arbeitsverwaltungen mit 
den französischen Planungen in wesentlichen Punkten überein, so daß Kontroversen 
mit der Militärregierung dort aus diesem Grunde, und weniger wegen des politi 
schen Drucks der Besatzungsmacht, kaum entstanden oder aber, wie in Hessen- 
Pfalz, in Fronten ressortbezogen quer durch deutsche und französische Administra 
tionen hindurchgingen. 
Die Palette der Anhänger und Gegner der Einheitsversicherung trat 1945/46 noch 
nicht in-der Breite hervor, die sie nach Bildung der Landtage erhielt. So waren 
Stellungnahmen der Bauernverbände und der Ärzte noch nicht feststellbar, und die 
Gewerkschaften verhielten sich nach außen einheitlicher, als ihre Positionen in 
Wirklichkeit waren. Die Grundkonstellationen waren aber klar erkennbar: Mehrheit 
der Gewerkschaften, KPD und SPD als Anhänger einer Einheitsversicherung, Mehr 
heit der CDU, Unternehmer und Vertreter der Sonderkassen als ihre Gegner. Insbe 
sondere innerhalb der CDU und der aus der christlichen Gewerkschaftsbewegung 
kommenden Gewerkschaftler zeigten sich schon 1945 Risse, die sich später vertief 
ten. Hier verliefen die Fronten nicht nach Gegnern oder Befürwortern der Einheits 
versicherung, sondern sie betrafen differenziertere Pläne, welche in der Grundlinie 
auf eine Vereinheitlichung des Krankenversicherungssystems bei Beibehaltung der 
übrigen Versicherungszweige zielten. Diese Konzeption setzte sich in der französi 
schen Zone 1946 durch. 
Vgl. die in Anm. 42-45 zitierten Schreiben.
	        

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