Full text: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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bei den Betriebskassen durch die Verbundenheit mit den Versicherten ausgeschlossen, 
ihre zwangsweise Schließung lasse Mißstimmung unter den Versicherten erwarten, 
und diese Kassen arbeiteten infolge ihrer Betriebsnähe weit wirtschaftlicher als jede 
andere Kassenart. Betriebskassen, die vor dem Krieg ständig mehr als 1 000 Mitglie 
der gehabt hätten, sollten daher bestehen bleiben; nur die kleineren Kassen seien 
aufzulösen. 
Diese Bezirks-Einheitskrankenkasse war - wenngleich bei Auflösung sämtlicher 
Betriebskassen - das Konzept, das sich auch innerhalb der Militärregierung durch 
setzen sollte. Die Einschränkung, welche hier von christdemokratischer Seite für die 
großen Betriebskassen gemacht wurde, war allerdings nicht rein konzeptionell be 
dingt; sie beruhte auch auf der scharfen, in engem Kontakt mit Karl Gengier und der 
Tübinger Arbeitsverwaltung organisierten Agitation des Landesverbandes der Be 
triebskrankenkassen in Nord-Württemberg, auf die zurückzukommen ist. 
Entsprechend ihrer Verflechtung mit den im Entstehen begriffenen Parteien und 
Gewerkschaften sowie den Interessengruppen war die Haltung der Verwaltung in 
dieser frühen Phase nicht einheitlich. Die internen Auseinandersetzungen in den 
einzelnen Verwaltungen brachen zwar erst später offen auf; in Ansätzen sind sie 
aber, nach Ländern z. T. unterschiedlich, auch 1945/46 schon zu beobachten. 
Interne Differenzen wurden vor allem im Herbst 1945 bei der ersten Reform in 
Hessen-Pfalz deutlich, auf die die deutschen Stellen stärker einwirken konnten als 
später auf die große Zonenreform. Gegen die deutsche und die französische Arbeits 
verwaltung hatte sich dort, wie gezeigt, die Finanzabteilung des Oberregierungsprä 
sidiums in Übereinstimmung mit dem französischen Finanzoffizier in wesentlichen 
Punkten gegen die anfänglichen, weitgehenden Vereinheitlichungspläne durchge 
setzt. 20 Außerhalb des Oberregierungspräsidiums konzentrierte sich der interne Ver 
waltungswiderstand allerdings im wesentlichen noch auf die Form der als undemo 
kratisch empfundenen Entscheidungen und betraf inhaltliche Fragen kaum. 21 Weit 
gehender und schärfer als Bökenkrüger in Hessen-Pfalz setzte sich sein Parteifreund 
Martzloff in Baden für eine Einheitsversicherung ein. Als Präsident des badischen 
Landesarbeitsamtes forderte er Ende 1945 in einem viel beachteten Artikel die 
sofortige Einführung der Einheits-Krankenversicherung, den Wiederaufbau der 
Selbstverwaltung und die Vorbereitung einer alle schaffenden Menschen erfassenden 
großzügigen Volksversicherung, für die insbesondere die bislang für militärische 
Zwecke einschließlich Militärpensionen aufgewendeten Mittel einzusetzen wären. 
In diesem Konzept stand er den ursprünglichen Volksversicherungsplänen der Mili 
tärregierung vom Sommer 1945 und den Planungen des Kontrollrates nahe. 22 
i0 Siehe oben S. 220 ff. 
21 So der Regierungspräsident von Rheinhessen und spätere Innenminister Steffan (SPD) an 
ORP Hessen-Pfalz, 17. 12. 1945, der die Verletzung demokratischer Grundsätze und die Isolie 
rung solch tiefgreifender Maßnahmen in einem einzigen, kleinen Land kritisierte; LA SP 
H 13/489. 
22 Philipp Martzloff, Die künftige Sozialversicherung, Freiburger Nachrichten, 7. 12. 1945. 
Reaktionen ebd., 8. und 18. 1. 1946, sowie in AdO Colmar Bade 2414/6 und VdO Lahr 
Altreg. Az. 103.
	        
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