Volltext: Sozialpolitik im deutschen Südwesten zwischen Tradition und Neuordnung 1945-1953

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Ein charakteristisches Beispiel ist Jean Filippi, 1945 bis 1948 Wirtschafts- und Fi 
nanzdirektor der Militärregierung in Baden-Baden und damit auch Chef der Arbeits 
verwaltung; er war Verfechter einer harten Wirtschaftspolitik in der Zone. Filippi 
war bis 1942 Kabinettschef des französischen Finanzministers Bouthillier gewesen 
und trat, als sich mit der zweiten Ministerpräsidentenzeit von Pierre Laval ein 
verschärfter Kollaborationskurs ankündigte, anläßlich eines kleineren Konfliktes, 
bei dem von ihm ein Eingehen auf eine Personalforderung der Besatzungsmacht 
verlangt wurde, zurück. Bis Kriegsende war er Generalsekretär der französischen 
Eisenbahnen und wurde dann als politisch unerwünscht nach Baden-Baden ge 
sandt." In den Augen der kommunistischen Partei, die ihn scharf angriff, inkarnierte 
Filippi die Kollaboration; später brachte er es immerhin unter anderem bis zum 
Budget-Minister in der Regierung des Sozialisten Guy Mollet 1956/57. Subjektiv 
war Filippi nie ein Kollaborateur gewesen, sondern empfand sich als ein Teil des 
„Schildes“, der Frankreich im Krieg vor allzu weitgehenden deutschen Übergriffen 
schützen sollte. Umgekehrt war er aufgrund seiner Verwaltungspositionen vor 1945 
über die deutschen Ausbeutungsmaßnahmen in Frankreich bis ins Detail informiert 
und sah es nun als eine Frage nicht der revanche, sondern der equite an," das 
deutsche Wirtschaftspotential für den französischen Wiederaufbau einzusetzen. 
Der nach Kriegsende zunächst vor allem von kommunistischer Seite 24 erhobene und 
von den Untersuchungskommissionen der Nationalversammlung aufgegriffene Vor 
wurf, Kollaborateure der Kriegszeit bekleideten in Baden-Baden zu viele führende 
Stellungen, ist in der Literatur vielfach übernommen worden, angesichts der inner 
französischen Situation allerdings mit Vorsicht zu verwerten. Resistance und Kolla 
boration waren während des Krieges nicht zwei Lager, sondern die Resistance ist seit 
Kriegsbeginn allmählich gewachsen, und je nach Zeitpunkt des Beginns von Wider 
standshandlungen war die Motivation der Betroffenen unterschiedlich bis gegen 
sätzlich. Daß solche für die französische Innenpolitik grundlegenden Unterschei 
dungen in der aufgewühlten Stimmung der Liberation-Zeit selten gesehen wurden, 
mindert nicht ihre Bedeutung für die Verwertung der zeitgenössischen Quellen. Die 
von Edgar Morin und anderen damals der KPF angehörenden Publizisten so scharf 
verurteilte Koalition von Gaullisten mit Beamten, die mehr oder weniger lange 
wesentliche Posten in der französischen Kollaborationsverwaltung bekleidet hatten, 
fand hier nicht nur politisch ihren Ursprung, sondern auch ideologisch in der fakti 
schen gemeinsamen Affinität zu politischen Werten des konservativen Bürgertums, 
wie Petain sie unter der Devise Travail, Familie, Patriezusammengefaßt hatte. 
Filippi berichtete die Hintergründe dem Verf. in einem Gespräch am 3. Juni 1983 in Paris. 
So Filippis Formulierung im genannten Gespräch. Filippi begründete z. B. die besonders 
umstrittene Schwarzwaldabholzung mit deutschen Holzhieben in Frankreich und hielt sie 
1983 nach wie vor für legitim; im übrigen stehe der Schwarzwald entgegen deutschen 
Voraussagen ja doch noch. 
Vgl. die Darstellungen des damals noch der KPD angehörenden Soziologen Edgar Morin, 
der die Allianz von Kapital, Kollaboration und Gaullismus in der französischen Militärre 
gierung scharf aufs Korn nahm, vor allem in: Allemagne notre souci, Paris 1947; zu Filippi 
siehe dort z. B. S. 45. Unter Berichten aus der Zone vgl. etwa 1946 Forez.
	        

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